Buchtipp: Auch alte Wunden können heilen

Entwicklungstrauma: Folgen von emotionalen Wunden in der Kindheit(c)ambermb/Pixabay Entwicklungstrauma: Verletzungen aus der Kindheit können heilen

Entwicklungstrauma: Viele Menschen haben das Gefühl, mit ihnen stimmt etwas nicht. Trotz jahrelanger Therapie empfinden sie weder Lebensfreude noch Sinnhaftigkeit. Die Traumatherapeutin Dami Charf deckt auf, dass dies an emotionalen Wunden in der Kindheit liegen kann. Im Buch „Auch alten Wunden können heilen“ erklärt sie,  wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können

Alte Wunden: Thema

Dami Charf ist Heilpraktikerin für Psychotherapie und Traumatherapeutin. Sie hat zahlreiche Ausbildungen absolviert, u.a. in Transformativer Körperpsychotherapie, Somatic Experiencing nach Peter Levine. Aufgrund dieser Ausbildungen, ihrer persönlichen Erfahrungen und der langjährigen therapeutischen Arbeit mit Klienten hat sie ihre eigene Methode entwickelt: die körper- und bindungsorientierten Therapiemethode Somatische Emotionale Integration, SEI. Dami Charf wendet diese Methode nicht nur an, sondern lehrt sie für Psychologen, Psychotherapeutin und Coaches in Ausbildungen.

Dami Charf hat selbst viele schlechte Erfahrungen in ihrer Kindheit erlebt. Bei unterschiedlichen Therapeuten und in unterschiedlichen Ausbildungen versuchte sie sie aufzuarbeiten, was ihr nur mittelmäßig gelang. Irgendwann reifte in ihr die Erkenntnis, dass schlechte Erfahrungen in der Kindheit in unserem Organismus wie ein Trauma abgespeichert werden. Deshalb reichen die üblichen Therapiemethoden nicht aus, wie z.B. Gesprächstherapie, Psychoanalyse, Verhaltenstherapie. Denn diese Therapiemethoden bauen lediglich auf  Erkenntnis und Verstehen. Aber sie beziehen Körper und Gefühle in die Therapie nicht mit ein. Genau das benötigen Menschen mit emotionalen Traumatisierungen, die Dami Charf auch Entwicklungstraumata nennt.

Im Buch “Auch alte Wunden können heilen” stellt Dami Charf anhand neuester wissenschaftlicher Forschungen vor, wie Verletzungen aus der Kindheit unser Leben bestimmen und wie wir uns davon lösen können.

Alte Wunden: Aufbau und Inhalt

Wie frühe Wunden auf unser Leben wirken – und warum das Problem selten das Problem ist

  • Was sind frühe Wunden?
  • Selbstregulation – das Thermometer des Lebens
  • Verbindung ist Leben
  • Die vier Bindungsmuster
  • Bindung in Liebesbeziehungen

Die vier Lernaufgaben

  • Unser Körper bestimmt unser Leben
  • Sicherheit und Willkommen sein – wie das Leben beginnt
  • Bedürfnisse und Sattwerden – der Mangel an Zuwendung
  • Hilfe annehmen können – mit Unterstützung die Welt entdecken
  • Selbständigkeit und Verbundenheit – was geschieht, wenn Kinder nicht in ihre Kraft gehen dürfen
  • Liebe und Sexualität – wie die Einheit gelingt

Frühe Wunden heilen – wie Integration möglich wird

  • Traumatic Growth
  • Sitz der Emotionen – das limbische System
  • Der Körper, unser Freund und Helfer
  • Wider den Stress – Resilienz und Selbstregulation
  • Emotionen – Fluch und Segen
  • Scham und frühe Wunden
  • Ohne Sicherheit ist alles nichts
  • Gesunde Grenzen

Psychotherapie als Weg

Entwicklungstrauma: Theorien

Dami Charf stellt viele einschlägige Theorien zum Thema Trauma vor: Die Dreiteilung des Gehirns in Reptiliengehirn, limbisches System und Neokortex. Die 3 biologischen, körperlichen Reaktionen auf Gefahr Flucht, Kampf, Erstarrung, die Bindungstheorien, die Polyvagal-Theorie, die Theorie des Window of Tolerance und der Notwendigkeit der Selbstregulation, den Unterschied zwischen expliziten und impliziten Gedächtnis, bottom-up und top-down.

Die Polyvagal-Theorie von Stephen Porges ist noch relativ unbekannt. Menschen haben zwei Nervensysteme, das parasympathische Nervensystem für Beruhigung und das sympathische Nervensystem für Aktivierung. Die Polyvagal-Theorie unterteilt das parasympathische Nervensystem noch mal in den Ventral Vagus auf der Vorderseite und den Dorsal Vagus auf der Rückseite des Menschen.  Wenn wir im Erstarrungsmodus sind, sind uns soziale Aktivitäten nicht möglich. Der Vagus-Nerv wird auch als Selbstheilungsnerv bezeichnet, weil er Psyche und Körper ins Gleichgewicht bringt.

Willst du Psyche und Körper ins Gleichgewicht bringen?

=> Hier geht’s zu meiner Meditation zur Verbindung mit dem Vagus Nerv- Link folgt

Entwicklungstrauma und Schocktrauma

Dami Charf unterscheidet zwischen Schocktrauma und Entwicklungstrauma. Im normalen und medizinischen Sprachgebrauch bezeichnet man als Trauma vor allem Schocktrauma. Schocktrauma sind einmalige, überwältigende Lebensereignisse wie z.B. Erdbeben, Vergewaltigung etc. Entwicklungstrauma sind langjährige überwältigende Erlebnisse in der Kindheit.

Wenn Entwicklungstrauma vorliegen sind Menschen viel anfälliger für Schocktrauma. Menschen mit Entwicklungstrauma haben eine eingeschränkte Selbstregulationsfähigkeit und ein kleines  Window of Tolerance. Deshalb führen Ereignisse für Menschen mit Trauma viel schneller zu einem neuen Trauma. Welche Ereignisse zu Traumatisierungen führen ist sehr individuell. Das heißt es gibt nicht pauschal Ereignisse die pauschal zu Traumatisierungen führen. Es kommt stets auf die Selbstregulationsfähigkeit des Menschen an bzw. darauf, wie er in traumatischen Situationen begleitet wird.

Entwicklungstrauma – was ist das?

Entwicklungstraumata sind sehr häufig. Denn das, was in der Begleitung von Kindern als normal gilt, kann zu Entwicklungstraumata führen. Dazu gehört zum Beispiel das Stillen nach der Uhr, frühe Trennungen von den Eltern etc. Dami Charf macht die Möglichkeit für ein Geburtstrauma an Beispiel deutlich: Stell dir vor, du bist in einem fernen Land und direkt vom Flughafen in ein 5 Sterne All-inclusive-Hotel geflogen. Hier wirst du königlich versorgt. Dann gehst du zum ersten Mal vor die Tür. Wie wirst du empfangen?

Im Kapitel “Die fünf Lernaufgaben” schildert Dami Charf ausführlich, was Kinder brauchen.

Den Begriff “Entwicklungstrauma” ist leider noch nicht weit verbreitet. Ich persönlich habe viel über Entwicklungstrauma gelernt von Sarah Peyton und Susan Skye. Im Fachbuch “Empathie als Schlüssel” stellt Susan Skye den Begriff “Entwicklungstrauma. Sie schildert ihre eigenen Erfahrungen und die Integration der emotionalen Wunden mit High Quality Empathie.

Hier geht’s zur Rezension von “Empathie als Schlüssel”

Hier geht’s zur Erklärung der Methode “Emotionale Wunden heilen mit Tiefer Empathie”

Entwicklungstrauma und Folgen

Traumatisierte Menschen haben einen immens hohen Leidensfaktor. Typische Symptome von Traumatisierungen sind Depression, Panikattacken, Ängste, Zwänge, Persönlichkeitsstörungen, Burnout etc.. Die ganze Klaviatur der psychischen Krankheiten können ihren Ursprung in emotionalen Verletzungen der Kindheit haben.

Dami Charf schildert die Reaktivität: In 90% der Fälle handeln Menschen nicht auf den aktuellen Auslöser, sondern auf Auslöser in der Vergangenheit. Das heißt: Alles, was in Menschen starke Gefühle auslöst, hat möglicherweise seinen Ursprung in der Vergangenheit.

Entwicklungstrauma haben zur Folge, dass Menschen ihre Gefühle und Bedürnisse nicht spüren und nicht kommunizieren können. Dami Charf nennt die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg als wichtiges Instrument, um für seine Bedürfnisse eintreten zu können. Die Gewaltfreie Kommunikation unterstützt Menschen darin, eigene Grenzen zu spüren und zu verbalisieren. Sie unterstützt Menschen darin, ihre Konflikte zu lösen. Als Kommunikationstrainerin mit Schwerpunkt Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg gefällt mir das allemal.

Hier geht’s zum Fachartikel “Nein sagen” – Link folgt

Hier geht’s zum Fachartikel “Was mag ich an meinem Chef?”

Hier geht’s zu meinen Seminaren Gewaltfreie Kommunikation

Entwicklungstrauma und Gesellschaft

Dami Charf übt auch Gesellschaftskritik. Sie geht davon aus, dass ein Großteil der Menschen aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen unter Traumatisierungen leidet (Epidemie). Wenn wir uns wirklich in unserem Körper spüren würden, dann würden wir keine 40 Stunden in der Woche arbeiten. Ein Anzeichen von Traumatisierung ist auch, nicht ruhig auf dem Sofa zu sitzen. Traumatisierte Menschen meiden die Ruhe, weil sie dadurch mit der inneren Unruhe in Kontakt kommen. Gleichwohl können traumatisierte Menschen erfolgreich sein, denn sie sind bereit viel zu arbeiten – und dadurch wiederum gefährdet für Burnout.

Dami Charf kritisiert die Gesellschaft, weil sie Bedingungen schafft, die für Traumata und insbesondere Entwicklungstraumata förderlich sind. Die “normalen” Vorstellungen von einem weiblichen Körper führt dazu, dass sich viele Frauen als nicht liebenswert empfinden, weil sie das gesellschaftliche Ideal der schlanken, gepflegten, makellosen Frau nicht erfüllen.

Entwicklungstrauma und Psychotherapie

Dami Charf bezieht kritisch Stellung zur aktuellen Psychotherapie: Therapeuten bieten ihren Klienten keine “echte Beziehung” an. Auch deshalb sind viele Therapien unwirksam. Für Traumaheilung ist eine rechtshemisphärische Kommunikation zwischen Therapeut und Klient wichtig. Rechtshemisphärische Kommunikation ist eine Kommunikation, die Körper und Gefühle mit einbezieht.

Viele Therapien und Coaching-Methoden arbeiten nach der Methode top down. Top down bedeutet, seine Gefühle in den Griff zu bekommen, Selbstoptimierung, Ziele zu setzen. Nach Dami Charf können solche Methoden zwar zu Disziplin und gesellschaftlichen Erfolg führen, nicht aber zu Lebensfreude und Sinnhaftigkeit.

Traumafolge: Körper als Objekt

Traumata können zur Dissoziation führen, das heißt Menschen spalten sich von ihrem Körper ab. Statt voller Lust und mit Lebensfreude in ihrem Körper zu sein, sehen sie ihren Körper nur als Objekt. Der Körper soll funktionieren, gesund und schön sein. Hierfür wird er mit Sport und Diäten so getrimmt, dass er ins gesellschaftliche Konzept passt. Trotz Symptome zwingen viele Menschen ihren Körper zum Arbeiten und zum Funktionieren. Traumaheilung geht über Achtsamkeit für den Körper und innere Befindlichkeiten.

Alte Wunden: Was mir weniger gefällt

Traumaheilung: Ich hätte mir mehr konkrete Informationen über die Art und Weise der Therapiemethode Somatische Emotionale Integration gewünscht. Beispielsweise welche Elemente wichtig sind, wie die Methode geht.

Reaktivität: Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht, was Menschen mit Traumata konkret tun können, um ihr Window of Tolerance zu erweitern. Was können Menschen – außer Therapie – konkret tun, um die Selbstregulationsfähigkeit zu erhöhen.

Entwicklungstrauma: Ich hätte mir gewünscht, Dami Charf würde die umfangreiche Theorie mit konkreten Beispielen belegen. Denn durch Beispiele werden die theoretischen Informationen besser verständlich und merkbar.

Dami Charf überzeugt durch Erfahrung und Kompetenz. Vielleicht könnten die Praxis der Traumaheilung in einem zweiten Buch erörtert werden.

Dami Charf greift Methoden an mehreren Stellen des Buches auf. Deshalb wäre ein Register hilfreich.

Alte Wunden: Was mir gefällt

Dami Charf verwendet eine sehr einfache Sprache, die für alle Menschen verständlich ist. Das finde ich gut, denn Trauma betrifft sehr viele Menschen, vermutlich alle Menschen, die “psychologische Probleme” haben. Dami Charf kann sehr gut erklären. Auch psychologische Fachbegriffe erklärt sie mit einfachen, verständlichen Worten. So ist es ein tiefgründiges und gleichzeitig verständliches Fachbuch. Außerdem gefallen mir die treffenden Beispiele und Bilder, mit denen sie die psychologischen Zusammenhänge erklärt.

Entwicklungstrauma und Psychotherapie: In der Fachwelt ist der Begriff “Entwicklungstrauma” leider noch nicht verbreitet. Deshalb halte ich das Buch für ein sehr wichtiges Buch. Denn inhaltlich stimme ich Dami Charf 100%ig zu. Auch meine Überzeugung ist, dass viele Menschen unter emotionalen Traumatisierungen leiden. Und dass es neue Methoden braucht, um emotionale Wunden aus der Kindheit zu integrieren. Auch meine Methode der High Quality Empathie bezieht Körper und Gefühle ein. Deshalb decken sich Dami Charfs Ausführungen mit meiner Arbeitsweise und meinem Verständnis von Entwicklungstrauma.

Entwicklungstrauma und Leidensdruck: Dami Charf schildert wie schlimm Entwicklungstrauma für Menschen sind. Sie erläutert, was Entwicklungstrauma überhaupt sind: denn im gewöhnlichen Alltag haben wir kein Bewusstsein, was wir mit Erziehung und Schule unseren Kindern antun. Hier braucht es ein anderes Bewusstsein. Dafür ist dieses Buch ein wichtiger Baustein.

Alte Wunden Fazit

“Auch alte Wunden können heilen” von Dami Charf kann ich allen Menschen empfehlen, die trotz Therapien nicht weiter kommen. Es hilft zu verstehen, was “mit ihnen nicht stimmt”.

Außerdem kann ich das Buch Lesern empfehlen, die sich für die theoretischen Grundlagen von Entwicklungstrauma interessieren. Denn hier sind fast alle gängigen Theorien leicht verständlich eingearbeitet.

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