Freiwillige Selbstverpflichtungen – Ein wirksames Instrument des ethischen Managements?

Freiwillige Selbstverpflichtungen in der Unternehmenskultur(c)dzzphotos/Pixabay Freiwillige Selbstverpflichtungen und Ethik im Management

Ehrliches Versprechen oder Marketingstrategie??

Getrieben von Bildern einstürzender Textilfabriken und einem damit verbundenen öffentlichen Aufschrei, traten viele der führenden Mode-Discounter die Flucht nach vorne an: Mit der Unterzeichnung freiwilliger Selbstverpflichtungen wollen sie den Schutz von Menschenrechten, faire Arbeitsbedingungen und nachhaltige Produktionsverfahren sicherstellen. Solche Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind nicht neu: Vor allem die Chemie-Branche setzt zum Schutz der Umwelt schon seit vielen Jahren auf dieses Instrument. Auch der branchenübergreifende „Global Compact“ – ein internationales Abkommen zwischen UNO und mittlerweile mehr als 9000 Unternehmen, darunter beispielsweise Henkel oder Siemens – setzt auf das freiwillige Versprechen, gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit und Fairness zu sorgen.

In den Augen der Öffentlichkeit ist ein solches Versprechen der Unternehmen meist nicht mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein. Häufig steht der Vorwurf im Raum, der einzige Erfolg solcher Maßnahmen liegt in der Verbesserung des eigenen Firmenimages.

Mensch oder Institution?

Ob Selbstverpflichtungen tatsächlich nur ein Mittel des Greenwashings sind oder ob sie doch dazu beitragen, moralisch verantwortliches Handeln zu sichern, hängt nicht zuletzt davon ab, vom wem das Versprechen der verstärkten Verantwortungsübernahme ausgeht.

Ist es das Unternehmen als solches, spricht man von institutionenethischen Selbstverpflichtungen, die üblicherweise in Form von Verhaltenskodizes implementiert werden. So schreibt beispielweise H & M in seinem Verhaltenskodex in Bezug auf Kinderarbeit fest: „Das Unternehmen verpflichtet sich, die nötigen vorbeugenden Maßnahmen zu ergreifen, um sicher zu stellen, dass es keine Person unter dem gesetzlichen Mindesterwerbsalter einstellt.“ Das Problem: Diese betriebswirtschaftlich und juristisch geprägten Selbstverpflichtungen zielen nicht in erster Line darauf ab, das Handeln der Unternehmen moralischer zu gestalten. Es geht stattdessen darum, die Gesetzeseinhaltung zu gewährleisten und einer Verschärfung rechtlicher Vorgaben vorzubeugen. Unklar bleibt außerdem häufig, wer für die Einhaltung der Selbstbindungen eintritt.

Anders ist es bei sogenannten individualethischen Selbstverpflichtungen: Dem Hypokritischen Eid ähnlich verpflichtet sich hierbei eine einzelne Person. Individualethische Selbstverpflichtungen sind Versprechen, die eine Führungskraft sich selbst und der Öffentlichkeit gegenüber abgibt. Versprechen für mehr Transparenz, Nachhaltigkeit, Offenheit oder Ehrlichkeit Solche Selbstverpflichtungen setzten an der intrinsischen Motivation und den Idealen des Einzelnen an. Es geht weniger darum, durch strikte Vorgaben und Sanktionen ein bestimmtes Verhalten herbeizuführen, sondern vielmehr darum, durch Ethikkodizes grobe Leitlinien des Handelns vorzugeben und einen Handlungsspielraum offenzuhalten, in dem sich moralisches Handeln entfalten kann. Die Selbstbindung des Einzelnen ist aus zwei Gründen besonders wirksam: Erstens tritt jemand mit seinem Namen für Einhaltung des Versprechens ein und kann im Zweifelsfall verantwortlich gemacht werden. Zweitens kommen auf der individuellen Ebene psychologische Effekte zum Tragen, die sich mit Hilfe der Theorie der objektiven Selbstaufmerksamkeit (Wicklung und Frey, 1971) erklären lassen:

Objektive Selbstaufmerksamkeit

Jeder von uns gibt hin und wieder ein Versprechen ab und bringt damit seine persönliche Werthaltung zum Ausdruck. Doch woran liegt es, dass wir Versprechen tatsächlich einhalten und sie einen Einfluss auf unser Verhalten haben?

Die Aufmerksamkeit eines Menschen richtet sich entweder auf Objekte seiner Umgebung oder aber auf das Selbst. Steht das Selbst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, nimmt ein Individuum vor allem seine Stimmungen, Ideale, Selbsteinschätzungen und Verpflichtungen wahr.

Die auf das Selbst gerichtete Aufmerksamkeit bewirkt, dass die Person mögliche Diskrepanzen zwischen ihrem tatsächlichen Verhalten und ihrem idealen Verhalten bewusst wahrnimmt. Aus dieser Wahrnehmung entsteht die Motivation zur Diskrepanzreduktion. Versuche der Diskrepanzreduktion äußern sich in

  • Verhaltensanpassungen
  • Defensivreaktionen (z.B. Abwälzen von Verantwortung)

oder

  • Der Vermeidung selbstaufmerksamkeitserzeugender Stimuli.

Selbstaufmerksamkeit und Selbstverpflichtung

Wendet man die Theorie der objektiven Selbstaufmerksamkeit auf die individuelle Selbstverpflichtung an, zeigt sich, wie an folgendem Beispiel verdeutlicht, ihre Wirksamkeit:

  1. Eine Führungskraft verpflichtet sich öffentlich „zur Offenheit und Wahrhaftigkeit in Wort und Schrift gegenüber den Stakeholdern“
  2. Die Inhalte der Selbstverpflichtung stellen ein Ideal dar und gehen als solches in das Selbstbild der Führungskraft ein.
  3. Die Führungskraft steht in der Folge vor den Handlungsalternativen
    1. Unzureichende Information der Öffentlichkeit, um Gewinnziel zu erreichen
    2. Ehrlich und transparente Kommunikation, notfalls auf Kosten des Gewinnziels
  4. Im Zustand selbstgerichteter Aufmerksamkeit werden die Inhalte der Selbstverpflichtung als oberstes Bewertungskriterium und Maßstab des Handelns wahrgenommen.
  5. Sollte die Führungskraft in Betracht ziehen, Handlungsalternative a.) zu wählen, wird ihr die Diskrepanz zwischen idealem Selbst (Offenheit und Wahrhaftigkeit) und realer (angestrebter) Handlungsweise bewusst.
  6. Selbstaufmerksamkeit erhöht die Übereinstimmung zwischen Einstellung und Verhalten. Aus dieser Diskrepanzwahrnehmung folgt wahrscheinlich eine Verhaltensanpassung dahingehend, dass im Sinne der Selbstverpflichtung gehandelt wird.

Das Selbst im Mittelpunkt der Unternehmensethik

Im unternehmerischen Kontext können verschiedene Maßnahmen ergriffen werden, um die Selbstaufmerksamkeit der Mitarbeiter zu steigern und die Wahrscheinlichkeit, dass die gewünschte Verhaltensanpassung eintritt, zu erhöhen. Relevant für die Steigerung selbstgerichteter Aufmerksamkeit ist vor allem das Feedback relevanter Bezugspersonen.

Wichtig für den Erfolg des Feedbacks sind

  • ausreichend Zeit

und

  • die Abwesenheit ablenkender Stimuli.

Wichtig ist darauf zu achten, dass ein Feedback nicht ins Negative umschlägt und statt der gewünschten Verhaltensanpassung eine Defensivreaktion hervorruft. Wenn eine Führungskraft nämlich wahrnimmt, dass ihr Verhalten nicht mit ihren Idealen übereinstimmt bzw. offensichtlich wird, dass sie entgegen der Selbstverpflichtung handelt, Insbesondere sollte beachtet werden, dass eine, im Zustand der Selbstaufmerksamkeit wahrgenommene, Intra-Selbst-Diskrepanz zur Herabsetzung des Selbstwertgefühls führen kann und somit statt einer erwünschten Verhaltensanpassung eine Defensivreaktion hervorgerufen wird.

Ein erfolgreiches Feedback sollte…

  • … Selbstwert-Stärkung bzw. zum Selbstwertschutz beitragen
    • Positive Aspekte der Person sollten in den Mittelpunkt gerückt und z.B. an vergangene Erfolgserlebnisse erinnert werden
  • … hohe Ergebnisorientierung bieten
    • Fokussierung von Zwischenzielen sowie Unterstützung des Feedbackadressaten durch Gesprächspartner
  • …eine positive Veränderungsüberzeugung vermitteln
    • Vor allem die Erwartung der eigenen Selbstwirksamkeit fördert die Bereitschaft zur Verhaltensänderung.
  • …Wahlmöglichkeiten bezüglich der Reflektionsthemen anbieten
    • Berücksichtigt, dass im Zustand der Selbstaufmerksamkeit Feedback leicht als persönliche Bedrohung wahrgenommen werden kann, wenn es eine zu große Ich-Nähe aufweist.

Selbstverpflichtungen fördern die ethische Kompetenz

Individualethische Selbstverpflichtungen haben jedoch nicht bloß eine konkrete handlungsbeeinflussende Wirkung, sondern wirken sich auch positiv auf die moralische Urteilsfähigkeit sowie die ethische Kompetenzbildung aus.

Zu den ethischen Kompetenzen zählen

  1. Reflektionskompetenz
  2. Moralische Vorstellungskraft
  3. Moralischer Mut

Reflektionskompetenz meint die Fähigkeit, moralische Urteile aus kritischem Abstand heraus zu fällen und das konkrete moralische Problem in einen Gesamtkontext einzubetten. Individualethische Selbstverpflichtungen enthalten für gewöhnlich nur unspezifisch formulierte Prinzipen, die situationsspezifisch interpretiert werden müssen. Im Zustand der Selbstaufmerksamkeit fällt der Perspektivwechsel leichter und Diskrepanzen zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung werden erkannt. Auch diese kritische Sicht auf die eigene Perspektive kann in selbstaufmerksamkeitsorientierten Feedbacks oder durch Rollenspiele gefördert werde. Die Rolle der eigenen Wertvorstellungen sollte dabei analysiert und die Bedeutung der Selbstverpflichtung im Diskurs verfestigt werden.

Moralische Vorstellungkraft, als zweiter Aspekt der ethischen Kompetenz, meint ein kluges und konstruktives Ausloten moralischer Ermessensspielräume. Da individualethische Selbstverpflichtungen üblicherweise keine expliziten Verhaltensregeln enthalten, gewähren sie ebendiesen nötigen Freiraum, der durch die Überlegung, wie ein konkretes moralisches Problem vielversprechend gelöst werden kann, ausgefüllt wird.

Moralischer Mut impliziert, sich nicht um jeden Preis konventionellen Regeln zu unterwerfen. Im Gegenteil geht es darum, kritische Distanz einzunehmen und den ethischen Gehalt vorherrschender Moralvorstellungen zu prüfen. Einer individualethischen Selbstverpflichtung kann, da es in jedem Einzelfall der individuellen Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Ansichten bedarf, nicht mit blinder Loyalität gefolgt werden. Zudem besteht zwar die Möglichkeit, dass ein Verhalten, welches den Prinzipien des Unternehmens widerspricht, von diesem sanktioniert wird, doch handelt es sich bei einer individualethischen Selbstverpflichtung auch um ein Versprechen sich selbst gegenüber. Entsprechend wird die Einhaltung der Selbstverpflichtung auch über das Gewissen des Einzelnen gesteuert.

Fazit

Soll moralischer Mut innerhalb des Unternehmens gefördert werden, so ist es wichtig, dass ein kritisches Moralbewusstsein gestärkt, nicht aber mit negativen Sanktionen belegt wird. Eine individualethische Selbstverpflichtung kann dazu beitragen, Moralbewusstsein zu fördern und ethische Kompetenzen zu stärken.

Kategorie Führung & Change

Mein Name ist Judith Wolski. Ich komme aus Münster und studiere an der Uni Bayreuth Philosophy & Economics. Hier blogge ich über Unternehmenskultur, Unternehmenswerte und alles, was es braucht, um neue nachhaltige Arbeitsbedingungen zu gesalten, in der Menschen aufblühen und ihr Potential entfalten können.

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