Gewaltfreie Kommunikation: Fragen und Antworten

(geralt)Pixabay Gewaltfreie Kommunikation Fragen und Antworten

Streiten sich Trainer für Gewaltfreie Kommunikation nie? Was Sie schon immer über Gewaltfreie Kommunikation wissen wollten und sich nicht zu fragen wagten.

Seit 2012 bin ich als Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation und als Coach mit Schwerpunkt Empathie unterwegs. Viele Menschen haben Vorurteile und stellen sich unter Gewaltfreie Kommunikation etwas ganz anderes vor, nämlich eher etwas in Richtung Selbstverteidigung ohne Waffen. Oder sie sagen: „Ich bin doch gar nicht gewaltvoll.“.

Außerdem kenne ich nach etlichen Jahren auch die Trainer Community und konnte ich die Hintergründe blicken. So weiß ich zum Beispiel, dass sich gerade gewaltfrei engagierte Menschen mit Streiten und Konfliktlösung gar nicht so einfach ist.

Im folgenden beantworte ich einige Fragen:

Wieso Gewaltfreie Kommunikation? Ich bin doch gar nicht gewaltvoll.

Landläufig verstehen Menschen unter Gewalt körperliche Aggression, Schimpfwörter und verbale Herabsetzungen. Gewalt im Sinn der Gewaltfreien Kommunikation sind alle Handlungen und Worte, die einen anderen Menschen verletzen, ihn unter Druck setzen und ihn dazu bringen, etwas zu tun, was er freiwillig nicht tun würde. Dies umfasst auch unsere Sprache, wenn wir mit Worten das Verhalten oder die Eigenschaften anderer Menschen bewerten. Zum Beispiel: du bist  rücksichtslos, egoistisch, faul usw.. Aber auch jemanden mit Gefühlen zu etwas bringen wollen, durch Schmeicheln oder beleidigt sein. Die Formen der Gewalt im Sinn der Gewaltfreien Kommunikation sind vielfältig.

Darf ich persönlich nicht meine Meinung äußern?

Durch die Bewertung anderer Menschen üben wir Definitionsmacht aus, stellen uns im Status über sie und üben dadurch Macht bzw. Gewalt aus. Dieser Denk- und Sprachgebrauch ist völlig „normal“ und natürlich „dürfen“ wir so reden. Doch unterschwellig wirkt es als Gewalt auf uns.

Die Giraffe ist das Symboltier der Gewaltfreien Kommunikation. Wieso?

Der Gewaltfreien Kommunikation liegt ein zutiefst positives, humanistisches Menschenbild zugrunde. Die Giraffe ist das Landtier mit dem größten Herzen. Sie hat aufgrund des langen Halses Weitblick. Sie jagt keine anderen Tiere, sondern sie ernährt sich von Pflanzen. ‚Deshalb verkörpert sie den Geist und die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation: viel Herz, Weitblick und Übersicht.

Ursprünglich sah Marshall Rosenberg den Geist der Gewaltfreien Kommunikation in Enten symbolisiert. Enten füttern sich gegenseitig und haben große Freude daran, sich gegenseitig zu nähren. Auch diese Geben aus dem Herzen entspricht dem Geist und der Haltung.

Doch die Ente hat sich als Symboltier nicht durchgesetzt.

Und was hat es mit dem Wolf auf sich?

Der Wolf symbolisiert unsere ganz „normale“ Sprache und damit auch das gesellschaftlich anerkannte bewertende Denken. Um es zu verdeutlichen, hat Marshall die Wolfsshow entwickelt. Bei Schmerz oder überwältigenden Gefühlen nehmen wir unsere Hilflosigkeit gar nicht mehr wahr, sondern wir werden oft von rasenden Gedanken und Wut bestimmt. Die Wolfsshow soll uns helfen, unsere negativen Gedanken und Gefühle in der Vorstellung auszuleben und nicht zu unterdrücken.  Das „virtuelle“ Ausleben starker Gefühle unterstützt die Selbstregulation unserer Gefühle, so dass sie für uns selbst und andere weniger schädlich sind.Manche GFK-Leute reden so geschwollen daher.

Wie alltagstauglich ist die Gewaltfreie Kommunikation?

Das ist eine gute Frage. Denn viele Menschen, die aus einem Einführungsseminar Gewaltfreie Kommunikation kommen und auch Fortgeschrittene sprechen manchmal so: „Als ich dich sagen hörte, du dumme Kuh, war ich sehr verletzt, weil mir Respekt wichtig ist.“

Eine solche Sprache ist in unserem Alltag eher unüblich. Deshalb hemmt eine solche  Ausdrucksweise viele Menschen, die Gewaltfreie Kommunikation im Alltag anzuwenden.

Die strenge Grammatik der vier Schritte und die Verwendung von abstrakten Nomen (Bedürfnisse) ist ungewohnt und klingt zuweilen hölzern. So ist es auch, wenn wir eine Fremdsprache lernen: wir tasten uns an fremde Formulierungen und Ausdrucksweisen heran. Je länger wir uns damit beschäftigen und üben, desto flüssiger werden wir, auch in der Ausdrucksweise. Bedürfnisse lassen sich zum Beispiel umgangssprachlich beschreiben: statt Respekt – respektvoller Umgang, statt Autonomie– selbst bestimmen, entscheiden wollen, statt Fürsorge – sich umsorgt fühlen.

Lässt sich mit Gewaltfreier Kommunikation jeder Konflikt lösen?

Aus meiner persönlichen Erfahrung: Nein. Auch wenn das manche Kollegen anders sehen. GFK hilft, die Bedürfnislage zu klären. Und manchmal ist der einzelne hilflos angesichts der Strukturen, auf die er trifft.  Ich denke z.B. an unser Schulsystem, das Schülern meist noch kein angstfreies und lustvolles Lernen ermöglicht. Dies verlangt von uns eine Entscheidung: Akzeptanz oder Veränderung der Struktur. GFK ist ein lebenslanger Lern- und Weiterentwicklungsprozess. Sie erhöht die Chancen einer Konfliktlösung wie kein anderes mir bekanntes Konfliktlösungsmodul. Und sie ist im Rahmen der persönlichen Weiterentwicklung das wertvollste und beste universell einsetzbare Werkzeug, das ich kenne.

Was hat Gewaltfreie Kommunikation mit Persönlichkeitsentwicklung zu tun?

Wir suchen Schuld nicht mehr bei anderen, sondern wir übernehmen Verantwortung für unsere Gefühle und Bedürfnisse. Wir steigen aus dem Denkmuster aus Schuld und Vorwürfen aus. Um es mit den Worten Nelson Mandelas zu sagen: Wenn ich hassen würde, wäre ich nicht frei. Mit GFK lernen wir, uns selbst zu verstehen und anzunehmen, so wie wir sind. Wir lernen, uns selbst zu verzeihen. Und damit lernen wir auch anderen zu verzeihen. Wir lernen, Schuld und Scham in Selbstliebe zu wandeln. Und Wut als unterdrückte Trauer und Angst zu erkennen. Das erfordert von uns Mut und Demut. Mut, weil es unüblich ist, zu seinen Gefühlen zu stehen. Es fällt leichter zu sagen: „Du bist ein Depp!“ als sich zu öffnen und zu gestehen: „Ich bin traurig, weil mir Verbundenheit wichtig ist.“ Oder: „Ich bin einsam und wünsche mir Nähe“. Und Demut erfordert es, weil , die Bereitschaft notwendig ist, das eigene Anliegen zurückzustellen und mich emotional auf den anderen einzulassen.

Eignet sich Gewaltfreie Kommunikation auch fürs Coaching?

Früher war es in der Coaching-Szene üblich, sich Ziele ganz konkret vorzustellen. Doch persönliche Veränderung lässt sich auch mit abstrakten Zielen und deren körperlicher Integration nachhaltig erreichen. Es geht dann um die körperlichen Empfindungen für Werte wie Sicherheit, Freiheit, Gelassenheit – zum Beispiel ein leichter, beschwingter, aufrechter Gang.

Die Psychologin Maja Storch hat das sehr anschaulich im Zürcher Ressourcen Modell (ZRM) beschrieben. Bedürfnisse sind abstrakt und eignen deshalb sich hervorragend für das ZRM. Robert Gonzales, ein Schüler Rosenbergs, arbeitet eher spirituell. Er stellt die Schönheit der Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Ähnlich wie das ZRM hat er Prozesse entwickelt, bei denen es darum geht, sich mit unerfüllten Bedürfnissen zu verbinden und sich vorzustellen, wie es sich gedanklich und körperlich anfühlen würde, wenn die Bedürfnisse erfüllt wären. Mit dieser imaginären Kraft gelingen praktische Veränderungen im Alltag leichter als ohne.

Hat die Gewaltfreie Kommunikation einen religiösen oder spirituellen Hintergrund?

Für Marshall Rosenberg ist die GFK nichts Neues, sondern stellt lediglich eine sprachliche Ausdrucksmöglichkeit für eine menschenfreundliche Haltung zur Verfügung, die Ideal vieler Weltreligionen und Philosophien ist . Das Christentum lehrt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. In der GFK heißt das „Empathie“ und „Selbstempathie“. Die erste edle Wahrheit buddhistischer Lehre besagt: „Leben ist Leiden“. Rosenbergs Lebensphilosophie lautet: „Ziel unseres Lebens ist es nicht, immer glücklich zu sein, sondern all unser Lachen zu lachen und unsere Tränen zu weinen.“ Hinter der GFK steht ein humanistisches Menschenbild. In den Grundannahmen der GFK lautet dies: „Egal, was ein Mensch tut, es ist stets das Schönste und Beste, was ihm zur Verfügung steht, um seine Bedürfnisse zu erfüllen.“

Und welche positive Absicht steckt hinter Verbrechen und den Taten von Terroristen und Potentaten?

Kein Mensch wird geboren und hasst einen anderen. Alle Lebewesen kommen als Babys auf die Welt, hilflos, neugierig und vertrauensvoll. Manche Menschen hatten im Lauf ihres Lebens einschneidende traumatische Erlebnisse oder sie litten permanent existentiellen und emotionalen Mangel, weil sie von ihren Bezugspersonen gedemütigt und zutiefst verunsichert wurden. Ihr Leben ist dann von Anfang an von Angst und Scham bestimmt. Ihnen fehlt die Erfahrung, dass die Welt ein sicherer Ort ist. Sicherheit aber ist ein existenzielles Bedürfnis. Und manche Menschen erfüllen sich dieses Bedürfnis, indem sie selbst Kontrolle und Macht über andere ausüben. In einer sicheren Welt zu leben, ist ihre positive Absicht. Das mehrt die Dieses Verhalten mehrt Gewalt in einem beständigen Kreislauf.

Brauchen wir nicht manchmal jemanden, der uns ganz klar sagt, wo es lang geht?

Nein. Wir wissen aus vielen Studien, dass der Mensch von Natur aus zu Kooperation angelegt ist. Ohne Autoritäten, Vorschriften, Zwang und Druck würden also nicht – wie manche befürchten – Chaos, Unordnung und Anarchie herrschen. Es würde sich ein System von freiwilliger Kooperation etablieren, das dem Leben und allen Menschen dienende Lösungen hervorbringen würde.

Ist GFK nicht bloß Gefühlsduselei?

Gefühle haben in der GFK einen hohen Stellenwert, denn unsere Gefühle zeigen uns, in wieweit unsere Bedürfnisse erfüllt sind. Um unser Leben selbstbestimmt an unseren Bedürfnissen auszurichten, ist es wichtig, dass wir unsere Gefühle wahrnehmen. Im Alltag lernen wir es leider nicht. Viele GFK-Trainer empfehlen ein Tagebuch, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Gefühle wohnen im Körper. Wir sehen sie unseren Mitmenschen an. Und wir selbst empfinden sie selbst körperlich als Herzklopfen, weiche Knie, Kribbeln im Bauch etc. 

Streiten sich Trainer für Gewaltfreie Kommunikation nie?

Unter Trainern für Gewaltfreie Kommunikation herrscht ein ungeschriebener Verhaltenskodex, Konflikte ausschließlich in den vier Schritten anzusprechen. Manchmal stoßen auch GFK-Trainer mit der Klärung eigener Konflikte an die Grenzen ihrer Fähigkeiten. Ich habe es erlebt, dass wir uns dann besonders hilflos fühlen. Um das Selbst- und Fremdbild aufrecht zu erhalten, sprechen wir dann manchmal Konflikte gar nicht an und so wandern die sie ungeklärt als „kalter Konflikt“ in den Untergrund. Immer wieder erlebe ich Kollegen, dass die mit den vier Schritten der GFK Statusspiele austragen.

Die Gewaltfreie Kommunikation wurde in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. Ist sie mittlerweile nicht veraltet?

Neurobiologische Studien aus jüngerer Zeit belegen die Richtigkeit von Grundannahmen, die Marshall Rosenberg durch Beobachtung und Analyse menschlichen Verhaltens entwickelt hatte. Wenn wir z.B. körperlich Schmerz empfinden, sind dieselben Gehirnarreale aktiv, die auch bei verbalen Angriffen tätig werden oder wenn wir aus einer Gemeinschaft ausgegrenzt werden. Unser Gehirn kennt also keinen Unterschied zwischen einer Ohrfeige und einer verbalen Herabsetzung. Der Neurobiologe Gerald Hüther hat gemeinsam mit Gleichgesinnten die Bewegung „Schule im Aufbruch“ ins Leben gerufen. Das Lernen soll „menschlicher“ werden, indem es sich an den Potentialen der Heranwachsenden orientiert. Dabei stören Frontalunterricht und Strafen. Die Rolle der Lehrer wandelt sich zum Lernbegleiter für individuelles und selbstbestimmtes Lernen. Es ist genau das, was Rosenberg bereits in den 70er-Jahren forderte und was in GFK-Schulen bereits Wirklichkeit ist.

Literaturverzeichnis:

  • Marshall Rosenberg (2012): Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. Paderborn: Junfermann.
  • Marshall Rosenberg (2009): Was deine Wut dir sagen will. Paderborn: Junfermann.
  • Marshall Rosenberg (2011): Erziehung, die das Leben bereichert. Paderborn: Junfermann.
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