Ich bin doch kein Kaktus

An einem schwül- heißen Juni-Nachmittag sitze ich bei einer aufsuchenden Beratung fast 2 Stunden am Küchentisch, ohne dass man mir ein Kaltgetränkt angeboten hatte. Dies nehme ich als Anlass, um darüber zu philosophieren, wie wichtig Selbstfürsorge, Grenzen wahren und Wertschätzung für Beratung, Coaching und Therapie ist, um, im wahrsten Sinne des Wortes, nicht zu verdursten…

Selbstfürsorge, um nicht zu verdursten
mhy/Pixabay Auch Kakteen brauchen Wasser

Teilhabeberatung

Ich arbeite als Teilhabeberaterin in der EUTB, bezahlt. Die Teilhabeberatung ist für Menschen mit Behinderung ein kostenloses Beratungsangebot. Die Klientin ist auf einen Rollstuhl angewiesen und fast blind. Der berufstätige Mann und die berufstätige Tochter wollen bei der Beratung dabei sein. Deshalb habe ich einen Termin für eine sogenannte “aufsuchende Beratung” außerhalb der offiziellen Beratungszeit vereinbart. An einem sonnigern, schwülen, heißen Juni-Nachmittag sitze ich mit allen Beteiligten fast 2 Stunden am Küchentisch, ohne dass man mir ein Kaltgetränkt angeboten hatte. Ich bin kein Kaktus und ich habe wieder mal eine Lektion gelernt, wie wichtig Abgrenzung, Selbstfürsorge und Wertschätzung auch für Trainer, Berater und Coaches ist.

Selbstfürsorge im eigenen Raum

Wenn ich in meinen Räumen arbeite, dann kann ich gut für mich sorgen. Ich kann mir heiße und kalte Getränke zubereiten und zu mir nehmen. Die Gesprächstermine kann ich in meinem Rhythmus einteilen. Gewöhnlich lege ich kleine Pausen zwischen die Termine. Da kann ich in Ruhe trinken, die Toilette aufsuchen, durchatmen oder ein kurzes Telefonat führen. Den einen Klienten kann ich thematisch abzuschließen und mich auf den anderen Klienten einstellen. In meinen Räumen gelingt es mir leichter, gut für mich zu sorgen. Das ist wichtig! So kann ich gut in meiner Mitte sein. So kann ich den Klienten meine ungeteilte Präsenz und Aufmerksamkeit widmen. Dies ist in der Beratung und im Coaching mein wichtigstes Handwerkszeug.

Wertschätzung für mich als Beraterin

Normalerweise erfahre ich von Klienten und Coachees Wertschätzung. Wertschätzung ist ein dehnbarer Begriff, ein abstrakter Begriff, fast schon ein Modewort, ein Bedürfnis im Sinn der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, ein Wert, den es mit Inhalten zu füllen gilt.

Für mich erfüllt sich Wertschätzung, wenn sich

  • Klienten und Coachees bedanken
  • wenn ich von ihnen Feedback erhalte, wie die Beratung, das Coaching zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen hat
  • wenn Klienten und Coachees mir konkret sagen, dass sie gern zu mir kommen und sie eine ganz besondere Qualität erleben
  • wenn sie mir sagen, dass das, was ich tue, für sie wert-voll ist, einen Wert hat

Dies gilt für alle Beratungen, Coachings und in der Therapie: die kostenlos sind oder zusätzlich zum vereinbarten Honorar.

Grenzen wahren als Beraterin

Die Probleme meiner Klienten und Coachees sind nicht meine Probleme. Ich stelle mich in den Dienst ihrer Sache. Ich bin engagiert. Ich tue mein Bestes. Ich bringe mein ganzes Wissen und Können ein mit dem Ziel, ihnen bei der Lösung ihrer Herausforderungen, Weiterentwicklung und/oder Potentialentfaltung zu helfen.

Wichtige Methoden sind

  • Zuhören bzw. genau hinhören
  • Fragen stellen
  • Lösungen entwickeln
  • Reflektieren etc.

Manche Klienten und Coachees sind mir näher als andere. Die Lebenssituation einer alleinerziehenden Mutter ist mir näher als die eines Top-Managers. Manche mag ich lieber als andere.  Bei allen bemühe ich mich stets gleich professionell zu sein.

Dazu gehört immer, den Klienten die Freiheit zu lassen, keine Lösung aufzudrängen, eigene Entscheidungen treffen lassen, den eigenen Weg zu gehen. In der Beratung und im Coaching ist es wichtig, die Grenzen, auch interne Grenzen der Klienten zu wahren.

Unmögliche Arbeitsaufträge

Das Angebot der Teilhabeberatung für Menschen mit Behinderung und von Behinderung bedrohten Menschen ist niederschwellig und kostenlos. Niederschwellig heißt, es steht allen offen. Meistens sind die Klienten überrascht über die Qualität der Beratung und/oder dankbar, dass eine Stelle gibt, wo sie kostenlose Beratung erfahren können.

Immer wieder mal – zum Glück nicht oft – mache ich die Erfahrung, dass mir “unmögliche Arbeitsaufträge” und wenig Dankbarkeit und Wertschätzung entgegengebracht wird. Ich bin kein Kaktus und brauche an heißen Tagen Kaltgetränke. Trotz aller Professionalität bin ich weder ein Rechtslexikon, welches Paragrafen auf Knopfdruck ausspuckt, noch eine gutmütige Samariterin, die ihr Helfersyndrom auslebt.

Selbstfürsorge für Berater und Coaches

Beratung, Coaching und Therapie sind helfende Berufe, die weitgehend über Sprache und Gestaltung einer Beziehung arbeiten. Es ist absolut wichtig, gut für sich selbst zu sorgen, um nicht auszubrennen, sic zu verdursten. Jeder hat seine ganz persönlichen Grenzen irgendwo anders. Es ist wichtig, diese achtsam wahrzunehmen und zu achten. Es gilt, Strategien zu entwickeln, um diese zu achten. In Zukunft werde ich bei aufsuchenden Beratungen stets

  1. Kaltgetränke mit mir führen, auch wenn sie im Auto warm werden
  2. das Gespräch beenden, wenn die dafür vorgesehene Zeit abgelaufen ist
  3. bei “unmöglichen Arbeitsaufträgen” einfach sagen: da kann ich Ihnen auch nicht helfen

Welche Erfahrungen habt Ihr mit Selbstfürsorge, Wertschätzung und Grenzen wahren in Euren Berufen (Beratung, Coaching, Therapie) gemacht?

 


 

Wertschätzung, Grenzen wahren und Selbstfürsorge können wir lernen!

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Andrea Wiedel

Ich bin Juristin, Kommunikationstrainerin und Coach, Hobby-Neurobiologin, Möchte-Gern-Psychologin, Zuhörerin, Freigeist und Bücherwurm. Ich begleite Menschen bei der Überwindung von emotionalen Blockaden hin zu Potentialentfaltung. Unternehmen unterstütze ich bei der Entwicklung einer wertschätzenden Unternehmenskultur. Ich lebe mit meiner Tochter in Bayreuth.

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