Warum es ganz gut ist, sich manchmal aufzuregen

Ein Stirn vor Landschaft und Himmel - Symbol für Wut und den Anspruch sachlich zu bleibenKommunikationssperren nach Gordon: Sachlich bleiben - Nun reg dich doch nicht so auf! (c)RonBerg/Pixabay

Kommunikationssperren sind weit verbreitet. Manche Menschen sind sogar stolz darauf, dass es ihnen gelingt, sachlich zu bleiben und ihre Emotionen im Griff zu haben. Sachlichkeit hat einen hohen Wert und wird vor allem im Business geschätzt. Aber Empathie zeigen ist besser!

Kommunikationssperren nach Thomas Gordon

Die Kommunikationssperren beruhen auf dem Konzept des von verstorbenen Psychologen Thomas Gordon. Im Gordon-Modell unterscheidet man 12 typische Kommunikationssperren. 

Eine Kommunikationsblockade ist ein typisches Sprachmuster, hinter dem der Wunsch steht oder die Absicht ausdrückt, den Kommunikationspartner nicht so zu akzeptieren, wie er ist. 

Ich zeige dir, wie du Kommunikationssperren vermeiden und statt dessen Empathie zeigen kannst. 

In diesem Artikel geht es um die Fähigkeit, sachlich zu bleiben und seine Gefühle kontrollieren zu könenn. Eine Fähigkeit, die leider überschätzt wird.

Ich erkläre dir

  1. was ist Sachlich bleiben und warum ist es hinderlich
  2. warum auch Gefühle ihren Raum brauchen
  3. Was deine Wut dir sagen will

Kommunikationsbarriere Sachlich bleiben

Vor allem im Business wird großer Wert darauf gelegt, die Kommunikation sachlich zu führen. Gefühle und Emotionen gelten als unprofessionell. Sachlichkeit ist das Gebot der Stunde und gilt als hoher Wert.

Kommunikationsbeispiel für Sachlich bleiben

Typische verbale Formulierungen

  • Nun reg dich doch nicht so auf! 
  • Dein Ärger bringt dich doch nichts!
  • Beruhigen Sie sich erst mal!
  • Lassen Sie uns vernünftig darüber reden!

Kommunikation Beispiel

Aber auch im privaten Umfeld wollen wir nicht immer sachlich sein. Gerade unter Freunden wünschen wir uns, dass wir mit unseren Gefühlen gehört, gesehen und verstanden werden.

Beispiel: Irenes fleißige Mutter

Irene ist wütend auf ihre Mutter, weil sie in ihrer 2-wöchigen Urlaubs-Abwesenheit nicht nur absprachegemäß die Blumen gegossen hat, sondern auch ohne Absprache die Fenster geputzt, den Gefrierschrank abgetaut und den Keller aufgeräumt hat. Irene ist wütend und erzählt es ihren Freundinnen Susanne und Monika. 

Susanne versucht Irenes Ärger zu beschwichtigen:

  • Nun reg dich doch nicht so auf! Das bringt doch nichts.
  •  Deine Mutter hat es doch nur gut gemeint.

Wut und Empathie

Der Satz “Deine Mutter hat es doch nur gut gemeint” soll Irenes Ärger beschwichtigen. Der impliziert, dass Irene keinen Grund hat, sich zu ärgern und wütend zu sein. 

Vermutlich wird Irene noch wütender, wenn sie sich beruhigen soll und ihre Wut und  ihr Ärger keinen emotionalen Raum bekommt.

Es macht uns wütend und hilflos, wenn andere unsere Gefühle bewerten. Denn Gefühle haben immer ihre Berechtigung. 

Empathie: Gefühle wollen gefühlt werden

Natürlich hat es Irenes Mutter nur gut gemeint. Aber solange Irene mit ihren Gefühlen und nicht erfüllten Bedürfnissen beschäftigt ist, kann sie das nicht sehen. Die ungehörten und unterdrückten Gefühle wirken wie eine Blockade. Gerade deshalb ist es wichtig, unangenehme Gefühle erst mal zuzulassen, um dann offen für sachliche Lösungen zu sein.

Empathie statt Sachlichkeit

Wenn uns jemand sagt, was wir fühlen sollen oder was wir nicht fühlen sollen, dann verletzt er unsere persönlichen Grenzen. Denn Gefühle gehören zu unserem ganz persönlichen Bereich.

Wenn wir sagen, nun reg dich doch nicht so auf, ist es als ob wir einem wütenden Stier ein rotes Tuch hinhalten.

Andrea Wiedel

Deshalb ist es ganz wichtig, Raum für die Wut zu schaffen. Wie geht das? Ganz einfach: wir spiegeln die Gefühle des anderen mit Worten, erkennen sie an und hören zu – was dazu führen kann, dass wir uns einem Redeschwall überschüttet werden. Aber der muss raus – wie Luft aus einem Dampfdrucktopf. Und dann kann man wieder normal reden.

Kommunikation Beispiel:

  • Du bist jetzt echt wütend!
  • Erzähl mal! Ich hör dir zu!

Empathie für Wut erfährst du bei der der Kommunikationssperre Intellektuelles Verstehen.

Wut ist ein wichtiges Gefühl

Hinter Wut verbergen sich oft unangenehme Gefühle wie Angst, Scham oder Trauer. Wut ist ein Sekundärgefühl. Das bedeutet, dass hinter der Wut “primäre” Gefühle wie Angst, Scham, Schuld oder Trauer stehen. 

Die primären Gefühle wollen wir nicht fühlen, weil sie äußerst unangenehm und unerwünscht sind. Deshalb spalten wir sie ab, verdrängen sie und entwickeln Abwehrmechanismen: Wir werden wütend und geben anderen die Schuld!

Im Alltag dürfen wir unsere Wut nicht zeigen. Wer wütend ist, gilt als jemand, der sich und seine Gefühle nicht unter Kontrolle hat. Oft hört man auch den Satz: „Reg dich doch nicht so auf! Das bringt doch nichts. Damit schadest du nur dir selbst.“

Doch das stimmt nicht ganz. Es ist nicht gut, seine Wut unkontrolliert rauszulassen. Aber Wut ist ein wichtiges Gefühl und es lohnt sich hinzuhören, was die Wut uns zu sagen hat, zum Beispiel im Personal Coaching.

Empathie bei Wut

Gefühle wollen gefühlt werden. Deshalb ist Empathie so wichtig. Weil wir mit Empathie nicht unsere Gefühle unterdrücken, sondern ihnen Raum geben. Und zwar sowohl der Wut, als auch der Trauer oder Angst.

Je stärker unsere Wut, desto größer die Not der nicht erfüllten Bedürfnisse.

Andrea Wiedel

Wir werden wütend, wenn andere über unsere Grenzen latschen, uns nicht wichtig nehmen, uns für dumm verkaufen. Oder wenn wir uns entfalten wollen und uns Grenzen gesetzt werden.

  • Ich will respektiert werden! 
  • Ich will anerkannt werden!
  • Ich will fair und gerecht behandelt werden!
  • Ich will gesehen werden!

Empathie Beispiel

Empathie auf Basis der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg fragt nach Gefühlen und Bedürfnissen. Empathische Vermutungen zeigen dem anderen, dass wir uns bemühen ihn zu verstehen und helfen ihm, sich selbst besser zu verstehen.

Empathische Vermutungen:

  • Bist du wütend, weil du dich auf Absprachen verlassen willst?
  • Bist du wütend, weil du willst, dass deine Grenzen akzeptiert werden?
  • Bist du wütend, weil dir Autonomie und Eigenständigkeit wichtig sind?
  • Bist du frustriert, weil du gefragt werden willst, wenn es um dich und deinen Privatbereich geht?
  • Bist du wütend, weil du gefragt werden willst, wenn es um deine Angelegenheiten geht?

Wut gilt in der Gewaltfreien Kommunikation als Sekundärgefühl. Das heißt: Unter der Wut liegen andere Gefühle, oft Angst oder Trauer.

Diese Gefühle sind so schmerzhaft, dass wir sie abwehren und stattdessen wütend werden.

Auch Irene ist vielleicht nicht nur wütend, sondern auch traurig und enttäuscht, weil jemand, der ihr sehr nahe steht, über ihre Grenzen gelatscht ist.

Empathie und Verletzlichkeit

Empathische Vermutungen nach Marshall Rosenberg schaffen Intimität und führen zu Verletzlichkeit. Deshalb sind sie nur dann sinnvoll, wenn wir eine gute Beziehung haben, in der wir uns auch verletzlich zeigen wollen.

Diese Fragen nach Empathie führen zu Verletzlichkeit:

  • Bist du enttäuscht und verletzt, weil du den Menschen, die dir wichtig sind, vertrauen willst?
  • Bist du traurig, weil du von den Menschen, die dir so nahe stehen, angenommen werden willst, so wie du bist?
  • Bist du einsam und erschöpft, weil du dir zu deinen Eltern einen Kontakt auf Augenhöhe wünscht?
  • Bist du frustriert, weil du von deinen Eltern respektvoll (als erwachsene Person) behandelt werden möchtest?
Kommunikationsssperre Gordon: sachlich bleiben
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2 Kommentare

  1. Wie würde man eine Streitsituation mit Wut am besten handhaben? Mir fällt es sehr schwer sachlich zu bleiben bei Kritik, die wunde Punkte bei mir trifft und das wiederum führt bei meinem Partner zur Wut. Mit GfK sind wir in der Grundlagen vertraut aber es praktisch umzusetzen in heißen Situationen fällt uns sehr schwer. Vor allem wenn mein Entwicklungstrauma getriggert wird.

    • Liebe Namenskollegin Andrea, was du beschreibst, ist völlig „normal“ und „menschlich“. Wenn wir getriggert sind, können wir nicht sachlich handeln und reden.
      Super ist es ja schon mal, dass du merkst, dass du getriggert bist – und evtl. auch erst hinterher. Das meine ich ernst. Viele Menschen kennen da keinen Unterschied, bei sich selbst nicht und auch bei ihrem Gegenüber nicht.
      Deshalb mein Vorschlag: in der Hitze des Gefechts zu deinem Partner sagen: Ich bin getriggert und brauche eine Pause. nimm dir die Auszeit, damit du dich selbst – oder mit kollegialer Empathie – wieder beruhigen kannst.
      Oder sag hinterher zu deinem Partner: tut mir leid, ich war getriggert und habe überreagiert. Können wir jetzt noch mal in Ruhe darüber reden.
      Ich finde die Gewaltfeie Kommunikation toll, aber manchmal überfordern wir uns, wenn wir von uns verlangen, immer in den 4 Schritten zu sprechen. Das geht nicht, weil ein emotionales / getriggertes Gehirn dazu nicht in der Lage ist.
      Mein Vorschlag (und du entscheidest, ob er etwas für dich ist): nimm in einem ruhigen Moment die 4 Schritte der GFK, um deine Gefühle und deine Bedürfnisse zu klären. Und gehe dann erst in den Dialog mit deinem Partner.
      Ich finde, dass in einer guten Partnerschaft auch gegenseitiges Verständnis für die wunden Punkte des anderen gehört.
      Allerhöchste Priorität hat es aber, bei einem Trigger, sich zu beruhigen!
      Bereits als Entwurf habe ich einen Blogartikel (leider noch nicht hochgeladen): 7 Möglichkeiten sich selbst zu beruhigen, wenn man getriggert ist. Du kannst in absehbarer Zeit unter dem Stichwort gern auf meinem Blog danach suchen. Oder du abonnierst meinen empathischen Newsletter, der dich u.a. über neue Veröffentlichungen informiert.
      P.S. eine Möglichkeit ist: Verbale Selbstempathie: Wie fühle ich mich? Was brauche ich? und dies als Worte zu formulieren. Allein das Verbalisieren von Gefühlen (Ich bin jetzt wütend. Ich bin jetzt traurig. Ich bin einsam) und Bedürfnissen (weil ich Fairness brauche, weil ich verstanden werden will, weil ich Gemeinsamkeit brauche) trägt zur Beruhigung bei.

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