Kranke Mutter: Wohin mit den Kindern?

In meinem Blog verarbeite ich auch Situationen aus der Coaching-Praxis. Was ich vergangene Woche von einer 28-jährigen Klientin, eine kranke Mutter,  gehört habe, hat mich sehr nachdenklich gemacht und empört.

Kranke Mutter: Wohin mit den Kindern?
Kranke Mutter: Wohin mit den Kindern? (c)5540867/Pixabay

Mutter: alleinerziehend und krank

Eine 28-jährige alleinerziehende kranke Mutter von 2 Jungs (1,5 und 3 Jahre alt) kam zu mir ins Coaching. Der Kindsvater hat sich nach der Geburt des zweiten Kindes aus dem Staub gemacht. Von ihm kommt keinerlei Unterstützung. Die Klientin bezieht ALG II. Sie selbst leidet unter einer Muskel-Erkrankung, die ihre körperliche Belastbarkeit in hohem Maße einschränkt. Es fällt ihr schwer, die notwendigen Hausarbeiten als Mutter zu erledigen (z.B. Wäschekörbe heben, Einkauf ins 2. Stockwerk hochtragen). Sie ist dauerhaft erschöpft. Sie versichert glaubhaft: “Wenn ich den Kleinen in die Schaukel gehoben habe, bin ich völlig erledigt. Und nach 5 Minuten will er wieder raus.” Oder: “Wenn einer weint, dann weint auch der andere. Aber ich habe nicht Kraft, beide im Arm zu halten und zu trösten.” Wie sie den Alltag als kranke Mutter von 2 Kindern soweit überhaupt bewältigt, ist mir rätselhaft.

 

Mutter: krank im BKH

Tanja war bereits zwei mal für mehrere Wochen im Bezirksklinikum: Diagnose Depression. (Alleinerziehende bekommen kein Burnout attestiert, da sie nicht überlastet sondern depressiv sind). Sie versichert glaubhaft: “Wenn ich mich völlig erschöpft und ausgelaugt fühle, dann gehe ins Klinikum. Wenn ich einfach nicht mehr kann, dann gehe ich für ein paar Wochen auf die A4” Ob ihr das denn helfe, wollte ich wissen. “Ja”, bestätigt Tanja.

“Es sind nicht die Therapien (Aha!). Die sind auch ok, das Malen, die Gespräche, die Gruppen. Da lerne ich viel, aber helfen tun sie nicht wirklich. Was mir wirklich hilft sind 3 Dinge:

  • Ich bin mal draußen von allem und muss keine Verantwortung tragen.
  • Dort habe ich einen geregelten Tagesablauf mit geregelten Mahlzeiten. Das habe ich in meinem Alltag auch nicht.
  • Es geht mal um mich. Wenn ich zur Schwester sage, es geht mir nicht gut. Dann kann ich spazieren gehen oder sonst irgendwas machen.

Die dicken Mauern der psychiatrischen Anstalt dienen kranken Müttern als Schutz vor Überforderung, weil unsere Gesellschaft diesen Schutz nicht auf andere Weise gewährleistet.

 

Kranke Mutter und Notfallpflege

Aufgrund Tanjas Aufenthalte im BKH sind die beiden Kinder abwechselnd in einer Pflegefamilie untergebracht. “Notfall-Pflege”, nennt sich das. Jetzt, nach 12 Monaten muss sich Tanja entscheiden, ob sie entweder krank oder gesund ist. Wenn sie weiterhin kranke Mutter ist, wird das Jugendamt dauerhaft, d.h. bis die Kinder 18 Jahre alt sind, eine andere (!) Pflegefamilie gesucht. Wenn sie gesund ist, werden alle (!) Unterstützungsmaßnahmen des Jugendamtes eingestellt.

 

Kranke Mutter und Jugendamt

Tanja hat mit dem Jugendamt bereits folgende Optionen diskutiert:

  1. Die Pflege läuft weiter. Dann würde aber eine andere Pflegefamilie gesucht werden, weil man davon ausgehe, wenn Pflege länger in Anspruch genommen werde. Deshalb braucht man eine Familie, der man die Pflege bis zum Alter der Kinder von 18 Jahren zumuten kann. Dies können jedoch die derzeitigen Pflegeeltern mit ihren 50 Jahren nicht mehr bewältigen. Tanja sagt: Ich brauche doch keine Pflege bis meine Kinder 18 sind. Es wird doch besser, wenn sie älter sind. Dann muss ich körperlich nicht mehr so eingespannt. Und sie werden selbständiger.”
  2. Es wird eine Tagespflege für Montag bis Freitag installiert. Tanja sagt: Unter der Woche brauche ich keine Entlastung. Im Herbst kommt der Große in den Kindergarten in unmittelbarer Nähe der Wohnung. Da hat er seine Freunde, die er auch später pflegen kann. Wenn ich ihn unter der Woche da raus reiße, schadet es uns mehr, als dass es bringt.
  3. Eine Tagespflege fürs Wochenende, z.B. jede Woche 24 Stunden oder alle 2 Wochen 48 Stunden. Genau der Zeitraum, den im Normalfall eine alleinerziehende Mutter als “Papa-Wochenende” frei hat (jene meist noch zusätzlich mit wochenweiser Entlastung in den Ferien). Da entgegnet das Jugendamt (ich zitiere): “Wir finanzieren Ihnen doch kein freies Wochenende.” Warum eigentlich nicht? Die Mutter braucht Regeneration und die Kinder eine Mutter.

 

Kranke Mutter: Jugendamt droht mit Sanktionen

Eine weitere Aussage des Jugendamtes: “Frau Töpfer, noch sind sie kooperativ. Aber wenn Sie nicht mehr kooperativ sind, kann sich das Blatt sehr schnell wenden!” Häh? Es war doch Tanja, die Unterstützung angefragt hat. Und eine weitere gute Bekannte hat zu Tanja gesagt: “Ich wäre vorsichtig, noch mal ins BKH zu gehen. Wer weiß, wie lange das Jugendamt da noch mitmacht!” Kranke Mutter wird vom Jugendamt offensichtlich mit schlechter Mutter gleichgesetzt.

 

Jugendamt: Ruckzuck sind die Kinder weg!

Es geht ruckzuck und das Jugendamt und die Kinder sind “Zum Wohle des Kindes” dauerhaft in einer Pflegefamilie. Egal ob kranke Mutter oder schlechte Mutter. Da werden Nägel mit Köpfen gemacht und Tatsachen geschaffen. Es braucht nur eine x-beliebige Jugendamts-Mitarbeiterin aus x-beliebigen Gründen die Behauptung aufstellt, das “Kindeswohl sei gefährdet”. Dann gibt es einen Gerichtsbeschluss und die Kinder sind erst mal in einer Pflegefamilie oder Wohnheim. Ruckzuck. Ob der Gerichtsbeschluss rechtens ist, prüft Monate später die Gerichte, manchmal jahrelang. Manchmal bekommt man erst vom EUGH sein Kind zurück. Wie der auf einer wahren Begebenheit beruhende Film “In Sachen Kaminski” zeigt. Erst vor dem EuGH bekamen sie ihr Kind wieder zurück. Jahre später.

 

Kranke Mutter und Jugendamt: Misstrauen und Kontrolle

Zusammenarbeit zwischen Jugendamt und Eltern ist von Misstrauen, Kontrolle und Androhung von Sanktionen bedroht. Wie das Beispiel Tanja zeig: Egal ob die Mutter krank ist oder unfähig. Eltern haben gegenüber dem Jugendamt keine Rechte. Sie haben nicht mal das Recht auf Akteneinsicht, welches eine der größten Errungenschaften unseres Rechtsstaates ist. Behördenmitarbeiter des Jugendamtes können Lügen, Unwahrheiten und Verdrehungen in die Akte reinschreiben. Eltern haben weder das Recht auf Auskunft noch das Recht auf Löschung der Daten hat. Dies auch nach der Einführung der viel befürchteten DSGVO. Das erinnert an Stasi, Nazi-Regime. Und keiner regt sich darüber auf…

 

Kranke Mutter – gute Mutter

Tanja vernachlässigt ihre Kinder nicht. Sie kümmert um ihre Kinder. Sie ist eine “gute Mutter”. Tanja ist krank. Sie braucht Unterstützung und Entlastung. Gerade deswegen braucht sie Entlastung und Unterstützung, um weiter die Mutterrolle einnehmen zu können. Tanja braucht auch Regeneration, Zeit für sich, um nicht noch kränker zu werden.

Tanja hat von sich aus die Unterstützung der Behörden gesucht, und um Hilfe gebeten. Wieso behandelt man sie im Jugendamt mit Misstrauen? Wieso droht man ihr Sanktionen an? Genügt es nicht, dass sie krank ist? Muss sie trotz Krankheit und notwendigem Krankenhausaufenthalt noch zusätzlich Angst haben, dass man ihr die Kinder wegnimmt?

 

Kranke Mütter brauchen Entlastung und Unterstützung

In welcher Gesellschaft leben wir, dass überlastete Mütter den Weg ins BKH suchen müssen, um überhaupt Entlastung zu finden. So werden überlastete Mütter zu kranken Müttern. Die Statistik beweist es: Alleinerziehende Mütter sind wesentlich häufiger, länger und schwerer krank als Mütter in Partnerschaft.

Tanja hat ausgerechnet: Die Entlastung, die sie sich wünschen würde, würde dem Staat 350 Euro im Monat kosten. Da, liebe Frau Merkel, müssten die Gelder mal hinfließen, nicht zum Baukindergeld, wovon nur die Mittelständler profitieren. Tanja leistet etwas sehr wertvolles: Sie trägt die Verantwortung für 2 Kinder.

Tanja braucht Entlastung. Sie sagt:

Ich liebe meine Kinder. Und ich will, dass sie bei mir aufwachsen. Das einzige, was ich brauche ist von Zeit zu Zeit Entlastung und Regeneration. Was ist daran so schwer zu verstehen?

 


 

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Andrea Wiedel

Ich bin Juristin, Kommunikationstrainerin und Coach, Hobby-Neurobiologin, Möchte-Gern-Psychologin, Zuhörerin, Freigeist und Bücherwurm. Ich begleite Menschen bei der Überwindung von emotionalen Blockaden hin zu Potentialentfaltung. Unternehmen unterstütze ich bei der Entwicklung einer wertschätzenden Unternehmenskultur. Ich lebe mit meiner Tochter in Bayreuth.

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