Trauma und Gedächtnis

Trauma und Gedächtnis: Schmetterlinge in blau die leuchtenTrauma und Gedächtnis - (c)Stergo/Pixabay

Wie erinnern sich Menschen an traumatische Ereignisse? Warum beeinflussen uns Erlebnisse, an die wir uns bewusst gar nicht erinnern können? Wie können wir den negativen Einfluss der Vergangenheit auf unser gegenwärtiges Leben stoppen? Diesen Fragen geht der renommierte Traumaforscher Peter Levine in seinem Buch “Trauma und Gedächtnis” nach.

Traumaforscher Peter Levine

Peter Levine ist ein international renommierter Traumatherapeut, der sich ein Leben lang mit der Wirkung von Traumata auf unser Gedächtnis und unseren Körper beschäftigt hat. Seinen Forschungen verdanken wir das Verständnis, dass ein Trauma immer auch im Körper gespeichert ist und deshalb ohne Beteiligung des Körpers nicht geheilt werden kann. Allerdings bezieht er sich dabei im Wesentlichen auf Schocktrauma und Monotrauma, weniger auf Entwicklungstrauma und Kindheitstrauma. 

Peter Levine hat die Methode des “Somatic Experiencing” entwickelt. Somatic Experiencing ist eine Methode, die Trauma sanft unter Einbeziehung des Körpers heilen kann. 

Weitere Bücher von Peter Levine sind “Sprache ohne Worte” und “Das Erwachen des Tigers”.

Trauma und Gedächtnis

“Trauma und Gedächtnis: Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gehirn” ist 2016 im Kösel-Verlag erschienen. Es behandelt die Thematik, wie Menschen traumatische Erfahrungen verstehen und verarbeiten. Auf gut 200 Seiten erklärt Peter Levine, wie Erinnerungen funktionieren und wie Trauma unser Gedächtnis beeinflusst. Anhand vieler Beispiele aus seiner Praxis zeigt er, wie die Methode des “Somatic Experiencing” Traumata heilen kann.

Inhaltsverzeichnis von Trauma und Gedächtnis:

  • Das Gedächtnis: Gabe und Fluch
  • Der Stoff, aus dem Erinnerungen sind
  • Prozedurale Erinnerungen
  • Emotionen, prozedurale Erinnerungen und die Struktur von Traumata
  • Eine Heldenreise
  • Zwei Fallbeispiele im Detail
  • Die Wahrheitsfalle und die Tücken falscher Erinnerung
  • Moleküle des Gedächtnisses
  • Transgenerationale Traumata: Das herumspukende Gestern

Trauma und Erinnerungen

Erlebnisse werden in unserem Gedächtnis unterschiedlich abgespeichert, nämlich in Form von expliziten Erinnerungen und impliziten Erinnerungen. Doch was ist das?

Explizite Erinnerungen sind bewusste Erinnerungen. Implizite Erinnerungen sind unbewusste Erinnerungen.

Explizites Gedächtnis und Trauma

Explizite Erinnerungen sind alle Lebenserfahrungen, die wir bewusst als Lebenserfahrungen abgespeichert haben. Sie sind unser autobiografisches Gedächtnis.  

Explizite Erinnerungen können wir bewusst abrufen und über sie eine Geschichte erzählen.

Normalerweise denken wir zum Beispiel nicht daran, wie wir eingeschult wurden, unseren 18. Geburtstag gefeiert haben oder unser Wellensittich gestorben ist. Aber wenn wir es wollen, dann können wir uns das Geschehen ins Gedächtnis rufen und darüber eine Geschichte erzählen. In der Fachsprache heißt das auch “Narrativ”. Explizite Erinnerungen sind das, was wir landläufig unter Gedächtnis verstehen.

Aber explizite Erinnerungen besitzen keine Objektivität. Wir erinnern uns immer nur an das, was für uns wichtig war. Explizite Erinnerungen können sich auch verändern. Wenn wir eine Geschichte zum wiederholten Mal erzählen, verblassen Nebensächlichkeiten und das Wesentliche malen wir immer mehr aus. Oder: wenn uns Worte in den Mund gelegt werden, dann glauben wir irgendwann, dass sie wahr sind. Wenn wir eine (Lügen-)geschichte oft genug erzählen, glauben wir auch irgendwann, dass sie tatsächlich so geschen ist. Erinnerungen sind trügerisch. Deswegen streiten sich auch manchmal Menschen darüber, wie etwas in der Vergangenheit geschehen ist – weil jeder eine andere Erinnerung hat.

Für das explizite Gedächtnis brauchen wir den Gehirnanteil Hippocampus. Der Hippocampus entwickelt sich aber erst mit einem Alter von ca. 3 Jahren. Deshalb sind erst ab diesem Alter explizite Erinnerungen möglich.

Das explizite Gedächtnis hat mit der Entwicklung von Traumata wenig zu tun.

Wenn Menschen in dieser instabilen und anfallartig über sie hereinbrechenden Phase stecken bleiben, bleiben sie in der Traumahölle zurück, vor Angst und Schrecken gelähmt, während sie Ausbrüche blinder Wut erleben und ihnen gleichzeitig die Energie und Ausdauer fehlt, etwas zu unternehmen.

Peter Levine

Implizites Gedächtnis und Trauma

Implizite Erinnerungen lassen sich nicht gezielt abrufen. Sie steigen in Form einer Collage aus Körperempfindungen, Emotionen und Verhaltensweisen auf. Implizite Erinnerungen tauchen klammheimlich auf und verschwinden wieder. Meist liegen sie unterhalb der Bewusstseinsschwelle

Implizite Erinnerungen werden emotional oder prozedural abgespeichert. Allerdings vermischen sich im wahren Leben emotionale und prozedurale Erinnerungen. Implizite Erinnerungen werden im Allgemeinen nicht als eine Leistung des Gedächtnisses verstanden. Aber sie haben einen großen Einfluss auf unser Verhalten und wie sich unser Leben entwickelt.

Im prozeduralen Gedächtnis speichern wir zum Beispiel Fahrradfahren ab. Wir erinnern nicht alle einzelnen Erlebnisse, die wir brauchten, um Fahrrad fahren zu lernen. Und wir können auch nicht erkären, was wir theoretisch gemacht haben, um Fahrrad fahren zu lernen. Irgendwann konnten wir es und werden es auch nicht mehr verlernen.

Ähnlich verhält es sich auch mit anderen prozeduralen Erinnerungen. Wenn wir zum Beispiel “Mann” und “Berührung” mit negativen Emotionen abgespeichert haben, dann ist dieser Ablauf fest in unserem impliziten Gedächtnis verankert. Diese implizite Erinnerung hindert uns aber daran, dass wir neue gute Erfahrungen mit “Mann” und “Berührung” machen, weil wir diese Situationen als gefährlich einstufen und vermeiden. Mit bloßer Willenskraft können wir implizite traumatische Gedächtnisinhalte nicht ändern.

Implizite Erinnerungen können ab Geburt – und schon ab Zeugung – in unserem impliziten Gedächtnis abgespeichert werden und so unser Verhalten und unsere Leben beeinflussen. Peter Levine berichtet in seinem Buch von Traumata bei Babys, die bei der Geburt fast erstickt wären, und von Babys, die Stürze erlitten haben, und dadurch traumatisiert waren.

Implizite Erinnerung ist das, was Pete Walker als “emotionalen Flashback bezeichnet und in seinem Werk “Posttraumatische Belastungsstörung” ausführlich, verständlich und nachvollziehbar beschreibt (Buchtipp unter dem Link).

Hartnäckige implizite Erinnerungen geben den Kernmechanismus ab, der allen Traumata sowie vielen sozialen und Beziehungsproblematiken zugrunde liegt.

Peter Levine

Traumatische Erinnerungen

Trauma und Gedächtnis: Traumata entstehen, wenn unser System mit Erlebnissen überfordert ist. Dann werden die Erinnerungen weitgehend im impliziten Gedächtnis abgespeichert. Die Erinnerungen haben keine Vergangenheit und keine Zukunft. Wenn sie durch Auslöser getriggert werden, ist es so, als ob wir sie aktuell gegenwärtig erleben.

Das menschliche Gedächtnis ist komplex und Erinnerungen sind vielschichtig. Traumatische Erinnerungen sind immer im impliziten Gedächtnis gespeichert. Das implizite Gedächtnis beruht auf Emotionen und Körper. Deshalb kann ein Trauma ohne Beteiligung des Körpers nicht gelöst werden. Denn implizite Erinnerungen sind immer auch mit Körperempfindungen und Emotionen verbunden.

Traumatisierte Menschen leiden unter ihren impliziten Erinnerungen und negativen Emotionen, von denen sie oft überwältigt werden. Deshalb ist es wichtig, dass sie in der Therapie wieder zurück in ihren Körper finden und ihre Emotionen regulieren können. Dies ist aber nur möglich, wenn man langsame Schritte geht (Titration), um eine Retraumatisierung zu vermeiden. Für Traumatisierte ist es wichtig, zu spüren, was in ihrem Körper vor sich geht. Dies nennt man somatisches Gewahrein oder somatische Achtsamkeit. 

Ohne ein solides Begreifen der im Gehirn abgelegten und im Körper gespeicherten multidimensionalen Struktur traumatischer Erinnerungen, strampeln sich Therapeuten oft regelrecht ab bei dem Versuch aus der Uneindeutigkeit und Ungewissheit herauszukommen.

Peter Levine

Buchtipp: Trauma und Gedächtnis

Das Buch “Trauma und Gedächtnis: Die Spuren unserer Erinnerung in Körper und Gehirn” besteht aus zwei Komplexen. 

Erstens erklärt der Autor Peter Levine, wie unser Gedächtnis funktioniert. Insbesondere erklärt er das explizite und implizite Gedächtnis.

Zweitens werden etliche Beispiele aus seiner Praxis dargestellt. Er erklärt, was die Traumatisierung seiner Klienten ausgelöst hat. Ausführlich zeigt er, wie das Somatic Experiencing bei der Traumaintegration hilft. Kleine schwarz-weiß Bilder machen das Körpergeschehen für die Leserinnen nachvollziehbar.

Manchmal gerät der Autor – für mein Empfinden –  zu sehr ins Schwadronieren. Ausführlich berichtet er aus seiner eigenen Vergangenheit. Bisweilen erzählt er ganze Filme im Detail nach. Die therapeutischen Interventionen der Praxis-Beispiele kann ich nicht immer nachvollziehen.

Peter Levine ist ein renommierter Traumatologe, um dem man für das Verständnis von Traumata nicht rumkommt. Allerdings würde ich Einsteigern eher sein Standardwerk “Sprache ohne Worte” empfehlen. Für die Menschen, die sich intensiver mit der Wirkungsweise des Gedächtnisses beschäftigen wollen oder sich für Fallbeispiele zum Somatic Experiencing interessieren, ist dieses Buch richtig.


Bewerte diesen Beitrag!
Kategorie Buchtipps & Filmtipps

Ich bin Juristin, Kommunikationstrainerin und Coach, Autorin, Hobby-Neurobiologin, Möchte-Gern-Psychologin, Zuhörerin, Freigeist und Bücherwurm. Ich begleite Menschen bei der Überwindung von emotionalen Blockaden hin zu Potentialentfaltung. Unternehmen unterstütze ich bei der Entwicklung einer wertschätzenden Unternehmenskultur. Ich lebe mit meiner Tochter in Bayreuth.

1 Kommentare

  1. Pingback: Wie Bäume kommunizieren und was wir von ihnen lernen können - DialogKultur

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.