Traumaintegration: innere Kinder retten

zwei Kinder liegen Arm in Arm, Baby und 4 Jahre(c)sathyatripodi/pixabay: Traumaintegration durch innere-Kinder-retten

Traumaintegration mit der innovative Methode des innere -Kinder-Rettens ist eine Balance zwischen Stabilisierung und emotionaler Arbeit. Wie es geht und warum es wirkt erklärt die Traumatherapeutin Gabriele Kahn in ihrem Buch: Das innere-Kinder-retten (psychosozial-Verlag).

Traumatherapeutin Gabriele Kahn

Gabriele Kahn ist Dipl-Psychologin in eigener Praxis in Berlin. Aufgrund ihrer jahrelangen Arbeit hat sie u.a. mit traumatisierten Menschen gearbeitet und über diese Arbeit, die Methode des innere-Kinder-Rettens entwickelt. Denn bei Traumatisierungen reichen die üblichen Therapiemethoden nicht aus. Hier ist es wichtig, die Balance zu finden zwischen Traumaintegration und Stabilität. Heute ist Gabriele Kahn Psychotraumatherapeutin und bildet Traumatherapeutinnen aus.

In ihrem Buch „Das innere Kinder retten“ erklärt sie Hintergründe zu komplexen Traumatisierungen und erklärt die Methode. Sie verwendet viele Praxisbeispiele, erzählt aus der Praxis.

Inhaltsverzeichnis

Komplextraumatisierung

  • Sexuelle Traumatisierung
  • Traumafolgen
  • Der Selbstheilungsprozess

Psychotherapie bei Komplextraumatisierung

  • Therapeutische Heilung und Prinzipien
  • Übertragung und Gegenübertragung
  • Die Therapiephasen
  • Positive Dissoziation
  • Einordnung des Innere-Kinder-Rettens in die Traumatherapieverfahren
  • Vorbereitung für die Methode des Innere-Kinder-Rettens: Stabilisierung
  • Das innere Chaos strukturieren
  • innere Sicherheit herstellen
  • Die traumatisierten Anteile beruhigen

Das Innere-Kinder-Retten (IKR)

  • Das Identitfizieren der zu rettenden Kindanteile
  • Die modifizierte Beobachtermethode
  • Der sichere Kinderort
  • Der heilsame Zwischenbereich
  • Die idealen Helfer
  • Das innere-Kinder-Retten – Die Rettungsaktion
  • Integration
  • Probleme und Fragen

Wirkungsweise

Anhänge:

  • Die Einführung des sicheren Ortes
  • Die Täterintrojektübung
  • Die modifzierte Beobachtermethode
  • Das innere-Kinder-Retten (Ablauf)

Traumaintegration: Stabilität und Emotionen

Traumaintegration: Hierfür sind zwei Dinge wichtig:

  • Stabilisierung: äußere und innere Stabilität der Betroffenen
  • Traumaintegration: emotionale Arbeit mit den verdrängten Gefühlen

Bei Therapien, die mit Stabilisierung, Ressourcenaktivierung und Achtsamkeit arbeiten, entstehen die Distanz zum Trauma, eine Stärkung des Selbstvertrauens und in die eigene Wehrhaftigkeit und ein Rückgang der allgemeinen psychischen Symptome. Allerdings reichen diese Maßnahmen bei traumatisierten Menschen oft nicht aus. Denn die nicht integrierten Traumata sind noch immer im Hintergrund vorhanden.  Wenn die Betroffenen mit Triggern konfrontiert werden, besteht immer die Gefahr, dass die Psyche überfordert ist, sie retraumatisiert werden und alte Symptome wieder auftauchen.

Therapien, die mittels Exposition, versuchen Traumata zu verarbeiten überfordern oft die Psyche und führen zu Retraumatisierung.

Das innere-Kinder-Retten bietet hier eine geniale Möglichkeit der Traumaintegration ohne Retraumatisierung. Es ist eine Balance zwischen aus Stabilisierung und Traumaintegration.

Traumatisierungen gehen oft mit Persönlichkeitsstörungen einher, z.B. emotional instabile Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ, emotional instabile Persönlichkeitsstörung oder abhängige Persönlichkeitsstörung. Die Autorin berichtet von Beispielen, in denen die Symptome nach der Traumaintegration verschwinden. Persönlichkeitsstörungen können Symptome einer PTBS sein.

Traumaintegration: sexueller Missbrauch

Bei sexuellen Traumatisierungen erkennt die Autorin sogar drei Traumata, nämlich

  • Trauma A: der sexuelle Missbrauch
  • Trauma B: das im Stich-gelassen-werden durch den anderen Elternteil
  • Trauma C: dem Kind eine (Mit-)Schuld geben

Bei Trauma B spricht Gabriele Kahn sogar von Unterlassener Hilfeleistung als Straftatbestand, nicht von einem Bagatelldelikt. Elternteile, die wegschauen, müssten von unserem Rechtssystem als Mittäter bestraft werden.

Der andere Elternteil  leugnet die Verantwortung. Es wird nicht anerkannt, dass Unrecht geschieht. Dies ist ein Verrat am Kind. Das Kind fühlt sich allein auf der Welt und erlebt einen massiven “Vertrauensverlust”. 

Trauma C zerstört endgültig die menschliche Psyche: jede Wut nach außen wird unmöglich und als Autoaggression gegen sich selbst gerichtet. Komplextraumatisierungen sind Seelenmord.

Die Autorin rät ihren Klienten dazu, Täterkontakt absolut zu vermeiden und zwar zu Vater und Mutter. Denn nur so kann das innere Kind von damals sich sicher fühlen.

Tiere sind wichtig für die Traumatisierte, da sie nicht doppelbödig sondern immer ehrlich sind.

Gabriele Kahn

Von sexueller Komplextraumatisierung betroffene haben einen ausgeprägten Mangel an Geborgenheit und Bindung erlebt. Denn Kinder mit genügend Schutz und Geborgenheit im frühen Lebensalter tragen diesen Schutz als Ausstrahlung herum, auch wenn die Eltern gerade nicht anwesend sind.

Traumaintegration: Traumafolgen verstehen

Traumafolgen werden klassisch in drei Kategorien unterschieden:

  • Fight: Aggression und Autoaggression
  • Flight: chronische Dissoziation als innere Flucht, Panik
  • Freeze: Dissoziation und Abspaltung, Totstellreflex

Traumafolge: Fight

Aggressionen gegen den Täter können oft nicht gelebt werden, da ein Machtgefälle zwischen Eltern und Kind besteht. Psychologisch geht das Kind oft damit um, dass es sich mit dem Täter identifiziert. Dies ist zwar hilfreich zur Bewältigung der Situation, aber für die Psyche verständlicherweise äußerst ungesund. Fight-Symptome können zu Depressionen führen, ADS oder somatischen Symptomen wie Krebs, Asthma. ADS-Symptome können also Symptome einer PTBS sein (Hypervigilanz).

Traumafolge: Flight

Flucht: Das Kind möchte sich schützen (fliehen). Wenn das in der Realität nicht möglich ist, dann bleibt nur die innere Flucht (chronische Dissoziation). Das Kind ist ständig auf der Hut und wachsam (=Hypervigilanz) und in ständiger Alarmbereitschaft. Es zeigt Angst und Panik. Angst kostet (Lebens-)Kraft und kann sich auch in körperlichen Symptomen zeigen (Einnässen).

In einem Praxisbeispiel beschreibt die Autorin Symptome einer Dissoziation, welche den Symptomen einer Psychose ähnelten, dass sie vom Fachpersonal nicht erkannt wurden.

Traumafolge: Freeze

Freeze ist die Flucht nach innen. Die Freeze-Reaktion entspricht biologisch dem Totstellreflex in der Tierwelt.

Das erneut betroffene Kind ist innerlich so alt wie beim ersten Mal. Das Erstarren erklärt, warum sich auch Jugendliche manchmal nicht zur Wehr setzen, wenn sie missbraucht werden.

Trauma: Abspaltung von Persönlichkeitsanteilen

Traumaintegration: Hierfür müssen abgespaltene Emotionen und Persönlichkeitsanteile integriert werden.

Chronische Traumatisierungen führen zu ständigen Abspaltungen von Persönlichkeitsanteilen (auch Seelenmord bezeichnet). Es entsteht eine tiefgreifende Persönlichkeitsspaltung in zwei Anteile:

  • anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil (ANP)
  • emotionaler Persönlichkeitsanteil (EP)

Diese Aufspaltung beruht auf der Ego-State-Methode. Sie wird auch strukturelle Dissoziation genannt.

Was ist der Anscheinend normale Persönlichkeitsanteil? Ein dem Leben zugewandter Anteil möchte so gut wie möglich den Alltag mit seinen Herausforderungen bewältigen und seine Bedürfnisse befriedigen. Diese gesunde (Rest-)Persönlichkeit wird Anscheinend Normaler Persönlichkeitsanteil (ANP) genannt. Aufgrund dieses ANP können auch Menschen mit komplexen Traumatisierungen anscheinend ein ganz normales Leben führen, nur mit diffusen Symptomen, einer inneren Leere und Sinnlosigkeit.

Was ist der emotionale Persönlichkeitsanteil? Die abgespaltenen Anteile, die die Traumata bewusst oder unbewusst tragen werden Emotionaler Persönlichkeitsanteil (EP) genannt. Sie sehnen sich danach anerkannt und integriert werden, um ein Leben in Fülle zu leben. 

Die dauerhafte Abspaltung verursacht einen inneren Dauerkonflikt. Die dauerhafte Abspaltung kostet unglaublich viel Kraft.

Wutkinder sind innere Persönlichkeitsanteile, die wütend waren, aber nicht wütend sein durften. Auch Wutkinder wollen integriert werden.

Traumaintegration: Der Selbstheilungsprozess

Traumaintegration: Trauma-Symptome haben einen Sinn. Denn Symptome haben nicht nur eine Ursache (nämlich die Traumatisierung), sondern auch einen Sinn.

Symptome und Reinszenierungen sind Versuche der intelligenten Psyche, das Trauma zu heilen. Allerdings dauert es zu lang. Deshalb ist es wichtig, Trauma aktiv zu integrieren, z.B. in der Therapie oder in der Arbeit mit dem inneren Kind.

Reinszenierungen: Der spätere Erwachsene sucht sich (unbewusst) immer wieder Situationen, die seiner Kindheit ähneln. Man ist geneigt, dies für “dumm” und “ungesund” zu halten. Die Autorin sieht aber darin, den Versuch der intelligenten Psyche sich selbst zu heilen. 

Der Selbstheilungsprozess hat drei Stufen

  • Dissoziation: sie gehört zur ersten Stufe, denn sie ermöglicht eine Alltagsbewältigung
  • Stabilisierung: hier wird Kraft gesammelt, sie gehört zum Anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil (ANP)
  • Traumaintegration: hier wird mit den Emotionen gearbeitet, die durch das Trauma verdrängt wurden, sie gehört zum emotionalen Persönlichkeitsanteil (EP)

Traumaintegration: Stabilität und Sicherheit sind wichtig

Zur Traumaintegration sind Stabilität und Sicherheit immens wichtig. Stabilisierung wird erreicht durch äußere Stabilität (Wohnung, Finanzen, Job) aber auch durch innere Stabilität (Ressourcenarbeit, positive Beziehungen, Aufbau von Selbstvertrauen). Solange keine äußere Stabilität vorhanden ist, rät die Autorin von einer Traumaintegration ab. Denn dies würde die Psyche überfordern und zu Retraumatisierung führen.

Äußere und innere Sicherheit sind für Menschen mit Traumatisierungen essentiell. Ohne Sicherheit kann keine Traumaintegration stattfinden.

Gabriele Kahn

Traumaintegration durch Das innere Kinder retten

Traumaintegration: Trauma können geheilt und integriert werden, wenn die inneren Kinder gerettet werden. Dabei handelt es sich um eine Integration verdrängter Gefühle und verdrängter Persönlichkeitsanteilte.

Traumaintegration wird mit möglichst geringer Dosierung gemacht, um die Psyche nicht zu überfordern. Sie erfolgt über eine imaginative Methode, in der die inneren Kinder von damals in Sicherheit gebracht werden. Hierfür werden “sichere Orte” installiert, zu denen die Kinder unter Anleitung der Therapeutin von idealen Helfern gebracht werden.

Es gibt nichts, was die Intelligenz und Selbstheilungskraft stärker fördert als Komplextraumatisierung in der Kindheit. 

Gabriele Kahn: Innere Kinder Retten s.45

Der Schwerpunkt des Buches liegt auf Komplextraumatisierungen, die durch sexuellen Missbrauch in der Kindheit entstanden sind. Die theoretischen Ausführungen und die Methode des Inneren-Kinder-Rettens sind mit Einschränkung auf andere Komplextraumatisierungen übertragbar.

Die Methode des Innere-Kinder-Rettens nach Gabriele Kahn kann man mit allen gängigen Traumatherapiemethoden verbunden werden.

Wichtig ist, dass die Erwachsene nicht mit dem inneren Kind von damals in Not in Kontakt kommt, sondern erst, wenn die Kinder gerettet sind.  Für die Erwachsene und für die verletzten Kinder werden unterschiedliche innere sichere Orte installiert.

Heilung bei komplexen Traumatisierungen erfolgt unglaublich langsam. Dies ist richtig so, um eine Überforderung der Psyche und Retraumatisierung zu vermeiden.

Trauma werden im Gehirn abgespeichert, so dass sie jederzeit wieder durch einen Trigger aktiviert werden können. (Sarah Peyton nennt sie Waisenkinder im Gehirn). Traumata sind nicht biografisch kohärent integriert. Auch deshalb ist die Integration der Traumata wichtig. Damit die Betroffenen ein emotional sicheres Leben führen können.

Wichtig für die Traumaintegration ist, dass zwischen Klient und Therapeut Vertrauen besteht. Wenn wenig/kein Vertrauen zur Therapeutin besteht, kann man durchaus Therapiefortschritte erzielen (z.B. Stabilisierung der Psyche) aber leider keine Aufarbeitung des Traumas.

Das innere-Kinder-Retten: Ablauf

Traumaintegration durch das innere-Kinder-retten hat die Autorin Gabriele Kahn selbst entwickelt. Sie wurde inspiriert von anderen imaginativen Verfahren anderer Trauma-Therapeutinnen wie Luise Reddemann und Michaela Huber.

Was braucht es zum innere-Kinder-retten:

  • Rettungsversprechen
  • ein sicherer Ort für die Erwachsene
  • ein sicherer Ort für die inneren Kinder
  • ideale innere Helfer, die die Kinder retten
  • Führung bleibt bei der Klientin
  • Entschleunigung
  • theoretische Erklärung des Prozessablaufs

Das innere-Kinder-retten soll Retraumatisierung vermeiden. Bei Traumatisierungen gibt es mehrere innere Kinder, die gerettet werden wollen.

Rettungsversprechen: Solange es noch nicht an der Zeit ist, diese inneren Kinder zu retten, bekommen sie ein Rettungsversprechen. Dadurch beruhigen sie sich und man erst mal sein Leben weiter leben.

innerer sicherer Ort: Es gibt zwei innere sichere Orte: einen inneren sicheren Ort für die Erwachsene und einen inneren sicheren Ort für die inneren Kinder. Denn die Erwachsene soll mit den inneren Kindern keinen Kontakt haben. Denn es besteht die Gefahr, dass noch ungelöste Trauma-Anteile der Erwachsenen sich auf die inneren Kinder übertragen. 

Ideale innere Helfer: Die Rettungsaktion wird von imaginierten inneren Helfern durchgeführt.

Führung: Die Führung der Rettung der innerten Kinder wird der Klientin überlassen. Die Therapeutin begleitet und achtet auf die Vermeidung von Retraumatisierung.

Körperempfindungen: Das innere-Kinder-Retten ist rein imaginativ und arbeitet nicht mit Körperempfindungen (was ich persönlich anders mache).

Trauma: Fazit zum innere-Kinder-Retten

Trauma integrieren durch das innere Kinder retten. In ihrem Buch “Das innere Kinder retten” verwendet die Autorin Gabriele Kahn viele Beispiele aus ihrer Praxis, die die Thematik veranschaulichen. Sie beschreibt die innere Welt der Betroffenen absolut tiefgründig und für Außenstehende nachvollziehbar. Die Sprache ist generell leicht verständlich.

Es werden viele psychologische Fachbegriffe verwendet, wie zum Beispiel Ego-State-Arbeit, Dissoziation, Täterintrojekte. Diese werden sehr gut erklärt. Die Autorin bezieht sich immer wieder auf andere Traumatherapien und wie das Innere-Kinder-Retten darin verortet werden kann.

Als trauma-sensitiver Coach arbeite in meinen Coachings mit der Heilung mit dem inneren Kind und dem inneren sicheren Ort. Die Lektüre dieses Buches hat mich von der Wirksamkeit der Methode der inneren-Kind-Arbeit bestärkt (auch wenn ich keine Psychotherapie und Heilung von psychischen Krankheiten anbieten kann, weil ich nicht die nötige Qualifikation habe). Durch die Lektüre dieses Buches habe ich mein Verständnis für Traumata und Traumafolgen vertieft und erweitert. 

“Das innere-Kinder-retten” von Gabriele Kahn kann ich allen Menschen empfehlen, die sich für Traumata interessieren, sei es Betroffenen und Fachpersonal. Obwohl insbesondere die Thematik sexueller Missbrauch beschrieben wird, gelten die Grundsätze auch für andere Komplextraumatisierungen. Es hilft Betroffenen, sich selbst besser zu verstehen, ungeeignete Therapien zu meiden und nach geeigneten Therapien Ausschau zu halten.

Fachpersonal wie Psychologen und Therapeuten lege ich es besonders ans Herz, denn meiner Erfahrung nach besteht aktuell noch viel zu wenig Bewusstsein dafür, wie Traumata im Gehirn abgespeichert werden, was in gängigen Therapien für Traumatisierte kontraproduktiv ist und was Traumatisierte in der Therapie tatsächlich benötigen. Es erklärt auch, warum gängige Therapieverfahren, die sogar kassenärztlich zugelassen sind, nicht ausreichen oder sogar retraumatisieren können.

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