Traumaspuren in Körper und Geist

Traumatisierung: zehnjähriger Junge blickt in den Sonnenuntergang und einem Vogel nach(c)TerriAnneAllan/Pixabay Traumatisierungen sind im Körper gespeichert

Kindheitstrauma und emotionale Verletzungen führen später für die Erwachsenen zu verschiedenen psychischen Symptome. Denn die Spuren einer lieblosen Kindheit sitzen tief in Körper und Gehirn.

Der Psychiater Bessel van der Kolk hat sich ein Leben lang damit beschäftigt, wie wir Entwicklungstrauma erkennen und überwinden können. Und hat bahnbrechendes herausgefunden.

Traumaforscher Bessel van der Kolk

Bessel van der Kolk ist ein amerikanischer Psychiater, niederländischer Herkunft und arbeitet in Boston, USA. Seit 1970 arbeitet er mit traumatisierten Patienten, forscht über die Ursachen von Kindheitstraumata und wie man sie überwinden kann. Dabei hat er erkannt, dass es für die typischen Folgen von Kindheitstraumata und emotionalen Verletzungen in der Kindheit keine gesundheitliche Diagnose gibt.

Deshalb setzt er sich dafür ein, dass die psychischen Symptome von Erwachsenen bei Kindheitstrauma als eigenständige Diagnose im Gesundheitssystem anerkannt werden.

Nach 30 Jahren (!) ist dies gelungen. Auch in Deutschland wird im Jahr 2022 die Diagnose Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung, K-PTBS in den deutschen Krankheitenkodex (ICD 11) aufgenommen.

Inhaltsverzeichnis

Kindheitstraumata und seelische Wunden in der Kindheit: Wer sich damit beschäftigt, kommt an Bessel van der Kolk nicht vorbei. Sein stattliches blaue Buch Verkörperter Schrecken“ im G.P. Probst Verlag umfasst 500 Seiten. 

Der Originaltitel von Verkörperter Schrecken lautet The body keeps the score, was übersetzt so viel bedeutet wie: Der Körper schreibt die Punkte mit. Und so lautet auch die Kernthese des Fachbuchs: Ein Trauma (egal ob Kindheitstrauma oder ein anderes) sitzt im Körper und ist ohne Einbeziehung des Körpers in die Therapie nicht heilbar.

Ein Trauma sitzt im Körper und ist ohne Einbeziehung des Körpers in die Therapie nicht heilbar.

Auf 250 Seiten widmet der Autor den wissenschaftlichen Grundlagen seiner Arbeit und wie er auf die Erforschung von Traumata gekommen ist. 

Auf weiteren 150 Seiten stellt er unterschiedliche Therapien vor, die sich bei der Arbeit mit traumatisierten Menschen als wirksam erwiesen haben. 

100 Seiten sind – für mich vernachlässigbar – Epilog und Quellen.

Inhaltsverzeichnis Verkörperter Schrecken

  • Die Wiederentdeckung des Traumas
  • Was Ihr Gehirn über das Trauma sagt
  • Der Geist von Kindern
  • Traumaspuren
  • Wege der Genesung

Was ist eigentlich ein Trauma?

Zum Thema Kindheitstrauma hat Bessel van der Kolk durch Zufall gefunden. Ursprünglich hat er mit Kriegsveteranen gearbeitet. Dabei hat er zweierlei entdeckt:

  • sie stecken in der Vergangenheit fest
  • haben ganz spezifische Symptome (z.B. Wutausbrüche)

Später hat er mit Frauen gearbeitet, die in ihrer Kindheit sexualisierte Gewalt erfahren haben. Und festgestellt, dass sie ähnliche psychische Symptome haben wie die Kriegsveteranen.

Deshalb hat er sich gefragt: Welche psychischen Ursachen haben Kriegsveteranen und sexuell missbrauchten Frauen gemeinsam?“

Schließlich hat er im Lauf seiner Arbeit noch etwas herausgefunden: Nicht nur Krieg und sexualisierte Gewalt führt zu diesen psychischen Symptomen. Sondern auch typische Erlebnisse in der Kindheit, nämlich Vernachlässigung, Gewalt, Armut oder auch nur Scheidung der Eltern.

Die Studie heißt ACE-Studie (ACE = Adverse Childhood Experiences).

Wenn wir verstehen, warum wir uns auf eine bestimmte Art fühlen, ändert das nichts daran, wie wir uns fühlen. Doch wenn wir es verstehen, kann uns dies davon abhalten, starke Impulse in die Tat umzusetzen.

Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Seite 245

Trauma: Hirnforschung bestätigt Symptome

Kindheitstraumata und seelische Wunden in der Kindheit führen zu ganz bestimmten Symptomen, die aber sehr unterschiedlich sind, wie zum Beispiel Wutausbruch, das Gefühl des Fremdseins, Konzentrationsstörung, Dissoziation

Die Hirnforschung schafft die Möglichkeit mit Gehirnscans die Gehirne von traumatisierten Menschen zu untersuchen. Bessel van der Kolk kommt zu dem bahnbrechenden Ergebnis: die Gehirne von traumatisierten Menschen sind in ganz spezifischer Weise verändert. Und egal ob Krieg, Gewalt oder lieblose Kindheit: die Veränderungen sind immer dieselben und deshalb auch ähnliche Symptome.

Die Gehirne von Menschen mit Traumatisierungen sind auf ganz besondere Weise verändert. Deshalb führen unterschiedliche Ursachen wie Krieg, Gewalt oder lieblose Kindheit zu ähnlichen Symptomen.

Die Abbildung von – wenigen – Gehirnscans im Buch machen die Auswirkungen von Traumatisierungen auch für die Leser anschaulich: 

Manche Menschen werden von ihren Emotionen überwältigt und bekommen Wutausbrüche. Auf diesen Gehirnscans leuchtet die rechte Gehirnhälfte (Hemisphäre) dunkel und aktiv auf. Das macht Sinn, denn die rechte Gehirnhälfte ist für Emotionen zuständig.

(Und ich denke mir: Aha, so schaut auch mein Gehirn aus, wenn es gerade wieder mal von einen emotionalen Flashback hat)

Manche Menschen schalten sich von jeglichen Emotionen ab und driften in die Dissoziation (Abspaltung von Körperempfindungen und Gefühlen). Ein Gehirnscan, in dem alle Bereiche hell und inaktiv sind, spiegelt das völlige Abschalten jeglicher emotionalen Gehirntätigkeit wieder.

Coaching mit Empathie bindet den Körper und deine Gefühle ein. Du lernst sowohl überwältigende Gefühle zu regulieren als auch ins Fühlen zu kommen.

Bei Kindheitstrauma helfen klassische Therapie nicht

Kindheitstrauma und andere Traumatisierungen sind also auf ganz besondere Weise in unserem Gehirn abgespeichert. Deshalb brauchen sie auch ganz besondere Therapie. Und: Gesprächstherapie und Verhaltenstherapie können ein Trauma nicht auflösen. Davon ist Bessel van der Kolk überzeugt.

Im Gegenteil: Diese Therapien können sogar kontraproduktiv sein. Warum ist das so?

Mit Verhaltenstherapie lernen Menschen ihre Emotionen in den Griff zu bekommen, z.B. ihre Wutausbrüche. Aber sie lernen nicht, wie es ihnen gelingt ein erfülltes Leben zu leben und gute Beziehungen zu führen.

Doch genau das sollte das Ziel einer jeden Therapie sein: den Patienten ermöglichen, ein erfülltes Leben in Verbindung mit den eigenen Emotionen zu führen.

Auch Psychopharmaka sind wenig hilfreich. Denn auch mit ihnen lernen wir nicht, wie wir ein erfülltes Leben und gute Beziehungen führen können.

Medikamente können ein Trauma nicht heilen, sondern nur die Ausdrucksformen gestörter physiologischer Prozesse lindern. Sie können dazu beitragen, Gefühle und Verhalten unter Kontrolle zu halten, aber das hat seinen Preis.

Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Seite 269

Am Anfang steht die Diagnose Trauma

Menschen mit Kindheitstrauma und seelischen Verletzungen in der Kindheit brauchen vor allem eines: die richtige psychische Diagnose.

Aber meist erhalten traumatisierte Menschen in ihrer psychiatrischen Karriere drei bis acht unterschiedliche psychische Diagnosen – ein bunter Blumenstrauß von psychischen Diagnosen. Die Diagnose hängt eher vom Schwerpunkt des Therapeuten als von den Symptomen des Patienten ab.

Deshalb stehen hinter vielen – wenn nicht sogar allen – psychischen Diagnosen wie Depression, ADS, Panikstörung, Ängste, Borderline stehen Traumatisierungen. 

Denn für eine Traumatisierung braucht es nicht unbedingt ein schweres Ereignis wie Gewalt, Naturkatastrophe, sexueller Missbrauch etc., an das sich die Betroffenen explizit erinnern können. Sondern auch übliche Erlebnisse in der Kindheit, an die man sich nicht erinnern kann, das können zu einer Traumatisierung führen (siehe ACE-Studie).

Bessel van der Kolk spricht sogar von einer verborgenen Epidemie.

Wenn wir nur daran denken, dass es in den 60er Jahren üblich war, Kinder nach der Uhr zu füttern und einfach schreien zu lassen. Wundern wir uns da, dass es heute so viele Menschen mit psychischen Erkrankungen gibt, die ein nicht verarbeitetes Kindheitstrauma sein können?

Auch ohne Diagnose kannst du daran arbeiten, die emotionalen Verletzungen deiner Kindheit zu überwinden. Coaching mit Empathie arbeitet mit Körper und Gefühlen. Es hilft dir ein erfülltes Leben zu leben und gute Beziehungen zu führen.

Kindheitstrauma: endlich gibt es eine Diagnose

Leider erhalten traumatisierte Menschen aufgrund mangelnder Diagnose keine entsprechenden Therapien. Dabei kann man mit Neurobiologie (Gehirnscans) eine Traumatisierung genauso exakt diagnostizieren wie zum Beispiel eine Krebserkrankungen oder ein Knochenbruch.

Deshalb tritt Bessel van der Kolk gemeinsam mit anderen Fachleuten, unter anderem Judith Hermann (Ihr Buch: Die Narben der Gewalt bei JunfermannVerlag) an die APA (American Psychological Association) heran. Sie fordern eine neue Diagnose in die DSM, das Klassifikationssystem für psychische Krankheiten in den USA. 

Als Namen für die neue Diagnose schlägt das Team vor: 

  • Entwicklungsbezogene Traumafolgestörung, 
  • Disorders of Extrem Stress otherwise not specified DESNOS
  • Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung K-PTBS.

Denn solange eine Diagnose nicht in einem Klassifikationssystem erfasst ist, kann diese Diagnose nicht gestellt werden. 

Das ist zum Beispiel wie mit HIV: Solange HIV im Krankheitenkatalog nicht erfasst ist, kann es von den Ärzten nicht diagnostiziert werden.

Leider wurden diese Forderungen von der APA zurückgewiesen, da sie angeblich irrelevant seien. Es hat fast 30 Jahre gedauert, bis die Diagnose „Entwicklungstrauma“ endlich in den Krankheitsdialog aufgenommen wurde.

Erstmalig im Jahr 1994 fordern sie die Aufnahme einer neuen Diagnose und fast 30 Jahre später kommt die psychische Diagnose erstmalig in ein deutsches Diagnose-Manual. 

K-PTBS ist die neue Diagnose für komplexe Traumatisierungen: Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung

In Deutschland wird mit der IDC 11 (Das Klassifikationssystem für Krankheiten in Deutschland) im Jahr 2022 aufgenommen werden.

Nur durch Kontaktaufnahme zum eigenen Körper, durch Herstellung einer spürbaren Verbindung zu uns selbst, können wir das Gefühl dafür, wer wir sind, welche Prioritäten wir haben und welche Werte uns am Herzen liegen, wiederherstellen.

Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Seite 295

Wirksame Therapie für komplexe Traumata

Doch wie kann ich Kindheitstraumata und andere Traumatisierungen überwinden? Heilung von Trauma und Traumatisierung heißt: sich Körper und Geist wieder zu eigen machen.

Therapien dürfen also nicht nur kognitiv und über unser intellektuelles Verständnis arbeiten, sondern vor allem den Körper mit einbeziehen. Denn das Trauma sitzt im Körper.

Deshalb ist der Verlust des Körpergefühls so schlimm: Wenn wir unseren Körper verloren haben, dann haben wir unser Selbst verloren.

Folgende Therapieformen stellt Bessel van der Kolk auf 150 Seiten im letzten Kapitel “Wege der Genesung” vor:

  • Selbstmanagement: Die Führung übernehmen mit der Ego-State-Methode (Arbeit mit inneren Anteilen)
  • Neurofeedback: Wenn ein Psychopharmaka so positiv und wirksam getestet worden wäre, dann würde es schon längst als Medikament zugelassen worden sein.
  • EMDR: man weiß zwar nicht, warum es wirkt, aber es wirkt vor allem bei Schocktrauma
  • Yoga: Yoga integriert nicht nur Traumatisierungen, sondern führt auch zu einer gesünderen Herzratenvariabilität (HRV). Literatur zum Beispiel Trauma-Yoga im G.P.Probst Verlag oder Praxisbuch traumasensitives Yoga im Junfermann-Verlag
  • Gemeinschaftsrhythmen und Theater: Shakespeare hatte doch recht

Kindheitstrauma vermeiden wäre besser

Kindheitstraumata kommen in unserer Gesellschaft nicht nur sehr häufig vor. Sie sind auch noch sehr teuer.

Ökonomen haben berechnet, dass die Aufklärung und Vermeidung von Kindheitstrauma sehr viel Geld sparen würde. Und zwar mit dem Faktor 8. Das heißt: Ein Dollar, der heute in die Prävention investiert wird, spart dem Gesundheitssystem später acht Dollar. 

Traumatisierte sind tolle Menschen

Bessel van der Kolk hat sein Leben lang mit traumatisierten Menschen gearbeitet In seinem Buch “Verkörperter Schrecken” berichtet er auch von vielen Beispielen aus seiner therapeutischen Praxis.

Er spricht mit sehr viel Wertschätzung von seinen Patienten und widmet ihnen sogar sein Buch, weil sie nicht vergessen haben, was ihnen widerfahren ist, und weil sie sein Lehrbuch waren. Die Menschlichkeit und Bescheidenheit und gleichzeitig seine Neugier sprechen aus jeder Zeile. 

Wenn der Autor Bessel van der Kolk nicht den Mut und die Bescheidenheit gehabt hätte, von seinen Patienten zu lernen, wären ihm diese bahnbrechenden Forschungsergebnisse nicht gelungen.

Ein Beispiel:

An einer Stelle berichtet er: Eine Patientin sprach abwertend von sich selbst. Darauf hätte er sie getröstet. Sie hat geantwortet, dass es sie demütigt, wenn er ihr sagt, was sie fühlen soll. Die Kritik seiner Patientin hat er sich sehr zu Herzen genommen. Er hat erkannt, dass er als Therapeut nicht nur unterlassen soll, seinen Patienten zu sagen, was sie fühlen. Sondern dass es seine Aufgabe als Therapeut ist, gemeinsam mit seinen Patienten eine neue innere Landkarte zu entwerfen.

Coaching mit Empathie heißt, dass es keine Ratschläge und keine Tipps gibt. Gemeinsam mit dir, erkunde ich deine innere Realität und entwerfe mit dir eine neue Landkarte für ein erfülltes Leben und gesunde Beziehungen.

Ein Must-Read für Fachpersonal

“Verkörperter Schrecken” von Bessel van der Kolk ist ein Must-Read für Fachpersonal, also für alle Menschen die im Bereich psychische Erkrankung arbeiten, für Psychologen, Psychiater, Neurologen, Psychotherapeuten, Sozialpädagogen, Berater, Coaches etc. 

Im Jahr 2022 wird die Diagnose Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung K-PTBS in die ICD-11 aufgenommen. Wer dieses Buch gelesen hat, ist bestens darauf vorbereitet.

Das Buch Verkörperter Schrecken ist lebendig, fundiert, verständlich, anschaulich, spannend, kurzweilig und manchmal kritisch. Viele praktische Beispiele aus der therapeutischen Praxis von Bessel van der Kolk werfen ein umfassendes Bild auf die Problematik. 

Allerdings ist „Verkörperter Schrecken“ auch sehr wissenschaftlich. Deshalb empfehle ich für Betroffene eher das Buch „Postraumatische Belastungsstörung“ von Pete Walker. Hier geht es zu meinem Buchtipp.

Zuhören überwindet Kindheitstrauma

Wenn wir das Gefühl haben, dass man uns zuhört und uns versteht, verändert sich unsere Physiologie. Wenn wir ein komplexes Gefühl artikulieren können und wenn andere Menschen unser Gefühle anerkennen, leuchtet unser limbisches Gehirn auf und kreiert einen Aha-Moment. Begegnet man uns hingegen mit Schweigen und Unverständnis, so tötet dies unsere Seele.

Bessel van der Kolk, Verkörperter Schrecken, Seite 277/278

Coaching mit Empathie schafft genau diese Aha-Momente und gibt dir das Gefühl, in den Tiefen deiner Seele verstanden zu werden. Egal wo du wohnst: Tiefe Empathie gibt’s am Telefon. Probiere es einfach aus!

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  1. Pingback: Entwicklungstrauma - wie und warum Neurofeedback hilft - DialogKultur

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