Unternehmensethik: Brücke zwischen ökonomischem Gewinnstreben und sozialer Verantwortung

Unternehmensethik zwischen Gewinn und Verantwortung(c)darksouls1/Pixabay Unternehmensethik zwischen Gewinn und Verantwortung

Nicht erst seit dem „VW-Abgasskandal“, sondern auch durch zahlreiche weitere Skandale der letzten Jahre rücken ethische Defizite im Wirtschaftsleben in das öffentliche Bewusstsein. Lebensmittelskandale, Rückrufaktionen, Fehlberatung bei Geldanlagen, Bankenkrise, Aufdeckung miserabler Produktionsbedingungen, Bilanztäuschung… – die Liste der Vorfälle, die das Misstrauen der Verbraucher gegenüber Unternehmen wachsen lässt, ist lang.

Unternehmen im Spannungsverhältnis von Ökonomie und Moral

Aber auch die Ansprüche, die an Unternehmen gestellt werden, nehmen zu: Lag die unternehmerische Verantwortung früher lediglich in der Produktion und Bereitstellung von Gütern und der damit verbundenen Gewinnmaximierung („The social responsibility of business is to increase its profit“, M. Friedman, 1970), werden Unternehmen heute weiterführende Aufgaben zugeschrieben. Grund hierfür ist unter anderem ein erhöhtes Bewusstsein der Verbraucher für ökologische und soziale Themen, wie zum Beispiel Umweltverschmutzung und Kinderarbeit. Preis und Qualität der Produkte stehen oft nicht mehr allein im Vordergrund, stattdessen erwarten Konsumenten heute auch einen zusätzlichen ethischen Mehrwert und nachhaltige Produkte. Unternehmen werden als gesellschaftliche Akteure betrachtet, die gegenüber ihren Stakeholdern Verantwortung tragen.

Aber nicht nur seitens der Verbraucher, auch die Politik verstärkt ihren Ruf nach moralisch verantwortlicherem Handeln von Unternehmen. Denn der Staat zieht sich mehr und mehr aus dem sozialen Verantwortungsbereich zurück, sodass der private Sektor zunehmend für die Lösung gesellschaftlicher und ökologischer Probleme verantwortlich wird. Die Unternehmen stehen dabei vor der Aufgabe, einerseits die Interessen der Kapitalgeber zu vertreten und andererseits die Forderungen nach sozialem und ökologischen Engagement zu befriedigen. Unternehmen befinden sich also im Spannungsverhältnis von Ökonomie und Moral. Die richtige Balance zwischen dem Erwirtschaften von Gewinnen und dem Erfüllen sozialer Ansprüche zu finden stellt Unternehmen vor eine schwere Aufgabe.

 

Soziale Verantwortung und Ethik

Immer wenn es um das Misstrauen gegenüber der Wirtschaft geht, heißt es auch, dass weite Teile der Bevölkerung die Unternehmen und ihre Top-Manager als einen vom Rest der Gesellschaft unabhängigen Bereich ansehen. Die Wirtschaft habe ihre eigenen Gesetzte, Regeln und Maßstäbe, die losgelöst sind von Moral, Anstand und Sittlichkeit. Doch die Wirtschaft ist aber kein moralfreier Raum. Es besteht deshalb Einigkeit darüber, dass eine Unternehmensethik etabliert werden muss, die Mittel aufzeigt, um moralisches Verhalten von Unternehmen zu sichern, damit sie ihrer zunehmenden sozialen Verantwortung gerecht werden.

Während Moral dabei die Gesamtheit der akzeptierten und tatsächlich geltenden Verhaltensnormen einer Gesellschaft bezeichnet, will die Ethik als Wissenschaft durch vernunftbestimmte und ethische Reflektion Aussagen über das gute und gerechte Handeln finden. Die Unternehmensethik als Teil der Wirtschaftsethik tritt mit Handlungsempfehlungen in das Spannungsfeld von Gewinnstreben und gesellschaftlicher Verantwortung und versucht einen Ausgleich zwischen beiden Polen herzustellen.

 

1. Unternehmensethische Ansätze

Durch Gesetze und Rahmenordnungen allein kann niemals alles erfasst werden kann, was die Gesellschaft als wünschenswert erachtet. Für Unternehmen ergibt sich demnach immer ein Handlungsspielraum zwischen Legalität und gesellschaftlicher Legitimität. Um innerhalb dieses Handlungsspielraums moralisches Handeln seitens der Unternehmen zu sichern, haben sich seit den 1980er Jahren in der deutschen Wirtschafts- und Unternehmensethik vier Schulen entwickelt:

2. Korrektiver Ansatz von Steinmann

Normen werden im Dialog begründet und qua Vernunft von den Dialogteilnehmern ständig überprüft. Die Gewinnverfolgung ist dabei als Normalfall legitimiert, Unternehmensethik ist ein Korrektiv für den Ausnahmefall.

3. Integrativer Ansatz von Ulrich

Die kommunikative Ethik übernimmt eine Brückenfunktion zwischen Ökonomie und Ethik. Gewinnstreben ist dann legitimiert, wenn es moralisch begrenzt ist und die Ökonomie im Dienst es Menschen steht.

4. Funktionaler Ansatz von Homann

Gewinnmaximierung ist eine moralische Pflicht der Unternehmen. Die Ethik dient dabei als Förderin der ökonomischen Funktionalität.

5. Governanceethischer Ansatz von Wieland

Dem Unternehmen wird als moralischer Akteur Verantwortung zugeschrieben. Die Ethik reduziert Transaktionskosten.

 

Diskursethik

Die führende philosophische Theorie in der Unternehmensethik ist die Diskursethik von Jürgen Habermas und Karl-Otto Apel. Der Diskurs ist nach Habermas eine durch die Argumentation gekennzeichnete Form der Kommunikation, bei welcher problematisch gewordene Geltungsansprüche zum Thema gemacht und auf ihre Berechtigung hin untersucht werden. Die Diskursethik besagt, dass „(…) nur die Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten)” (J. Habermas, 1983).

Damit der Diskurs gelingen kann, müssen folgende Regeln eingehalten werden:

  1. Unvoreingenommenheit: Die Beteiligten besitzen die Bereitschaft, ihre Vororientierungen in Frage zu stellen.
  2. Nichtpersuasivität: Es besteht die Bereitschaft, sich wechselseitig als gleichberechtigte Partner anzuerkennen und auf Apelle zu verzichten.
  3. Zwanglosigkeit: Bereitschaft auf Sanktionen für das Geben oder Verweigern von Zustimmung zu verzichten.
  4. Wahrhaftigkeit: Nur diejenigen, die ihre wahrhaftige Meinung äußern, werden zum Diskurs zugelassen.
  5. Sachverständigkeit: Die Beteiligten besitzen genügend Informationen und die Fähigkeit sachlich zu argumentieren.

 

Stakeholder-Theorie

Auch der prominenteste Ansatz zur Einbindung gesellschaftlicher Ansprüche in die Unternehmensführung, die Stakeholder-Theorie nach Edward Freeman, setzt auf den Dialog: Mit dem Ziel, verschiedene ökonomische, politische und moralische Betrachtungsweisen in ein strategisches Management-Konzept einzubinden, wird das Unternehmen in seinem gesamtgesellschaftlichen Kontext erfasst. Die Bedürfnisse, Wünsche und Sorgen der verschiedensten Anspruchsgruppen sollen im Dialog erörtert und in Einklang gebracht. Ein solcher Dialog mit den Stakeholdern ist von besonderer Bedeutung, da sich die unternehmerische Verantwortung auf ebendiese Anspruchsgruppen beziehen muss.

 

Fazit: Wirtschaft und Ethik gehören zusammen

Eine globalisierte Welt bietet eine Vielzahl neuer Chancen und Möglichkeiten. Damit verbunden sind aber gleichzeitig auch neue Herausforderungen und Probleme. Denn ein immer komplexer werdendes wirtschaftliches System eröffnet Unternehmen Handlungsspielräume, die nicht durch gesetzliche Vorgaben reguliert werden können. Aber nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Wie selbstverständlich erwarten Politik und Gesellschaft von Unternehmen, „gutes“ und „richtiges“ Handeln und die Übernahme sozialer Verantwortung.

Daher gewinnt die Unternehmensethik zunehmend an Bedeutung. Denn nur wenn es gelingt, Instrumente des ethischen Managements zu etablieren, können Unternehmen den Ansprüchen der Gesellschaft gerecht werden und langfristig existieren. Damit die Übernahme sozialer Verantwortung nicht bloß zum „Greenwashing“ wird und unter Glaubwürdigkeitsverlust leidet, ist es unbedingt notwendig, dass Unternehmen in den öffentlichen Diskurs treten. Nur durch den Dialog, der die verschiedenen Ansichten, Wertvorstellungen und Forderungen der Beteiligten wertschätzt und ernstnimmt, kann es gelingen, Vertrauen aufzubauen und nachhaltiges Handeln zu sichern. Die Unternehmensethik zeigt viele Mittel und Wege auf, um Transparenz, Glaubwürdigkeit und Verantwortungsübernahme sicherzustellen. Sowohl unternehmensintern als auch -extern kommt es dabei vor allem auf eins an: Die richtige Kommunikation.

 


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