Warum Barbie schuld dran ist, dass ich Schlittschuhlaufen kann

Angst überwinden beim Schlittschuhlaufen(c)hasekura/Pixabay

Meine 4-jährige Tochter sprach zu mir: “Mama, ich will Schlittschuhlaufen lernen!” Ich hatte Angst. Ich konnte nicht Schlittschuhlaufen, hätte es aber als Kind gern gelernt und gekonnt. Dieses sanfte Gleiten über das Eis wirkte schwerelos und spielerisch. Es schaute so einfach aus und doch hatte ich so viel Angst davor. Immerhin wollte ich meinem Kind den Wunsch erfüllen und fuhr mit ihr am Sonntag nachmittag auf die Schlittschuhbahn.

Ängste überwinden: Ohne Mami aufs Eis

Die Schlittschuhbahn war übervoll. Ich steckte meine Tochter in ihren Schneeanzug und zog ihr Leih-Schlittschuhe an. Sie fragte mich: “Kann ich damit laufen?” antwortete ich voller Optimismus wenn auch ohne eigene Erfahrungen: “Du musst nur ein Bein vor das andere schieben. Das geht schon.” Ich organisierte meiner Tochter einen Holzschlitten mit Kufen und schob sie durch die Einsparung der Bande aufs Eis. “Mami”, rief sie völlig verängstigt und krallte sich am Holzschlitten fest “Ich hab Angst” Vom Rand aus rief ich: “Das geht schon! Nun fahr einfach los!”

Angst: Die Mami als sicherer Hafen

Mein Kind lief tapfer ein paar Schritte. Ihr ängstlicher Blick immer auf mich geheftet. Jenseits der Bande lief ich auf sicherem Boden neben ihr her. Für die erste Bahn brauchten wir sicherlich 10 Minuten. Der Holzschlitten gab ihr Sicherheit. Nach ein paar Bahnen fand sie Freude daran. Die erste Wintersaison verbrachten wir oft auf der Schlittschuhbahn. Mein Kind zog mit und ohne Holzschlitten seine Bahnen. Und ich in Straßenschuhen immer noch außerhalb der Bahn.

Gute Ausreden, wenn die Angst zu groß ist

Spätestens ab der dritten Wintersaison lief mein Kind so gern und sicher, dass meine Begleitung am äußeren Rand völlig unnötig waren. Also stand ich am Rand, blickte neidisch auf die Läufer und langweilte mich. Schlittschuhlaufen schaute so leicht aus und doch hatte ich Angst. Jedes Mal nahm ich mir vor: heute leihst du dir auch ein paar Schlittschuhe aus und jedes Mal lieh ich mir keine aus. Jedes Mal fand eine andere Ausrede: du hast schlecht geschlafen, das Wetter ist nicht gut und schob die Überwindung meiner Ängste auf das nächste Mal.

Angst überwunden: Spaß haben und stolz sein

Meine Tochter entwickelte sich zur begnadeten Eisläuferin und durchstreifte im Schneeanzug die ganze Eisfläche. Ich vom Rand. Die Langeweile wuchs, der Neid auch. Und ich fror. Nachmittage lang überzeugt ich mich davon, dass Schlittschuhlaufen möglich sei. Eines Tages nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, zahlte auch für mich Eintritt und lieh mir ein Paar Schlittschuhe. Ein Holzschlitten mit Kufen für Erwachsene gab mir Sicherheit und ich fiel auf meinen ersten Schritten übers Eis nicht hin. Das gab mir Zuversicht. Die dritte und vierte Wintersaison lief ich mit Holzschlitten meine Runden. Und ich genoß das Dahingleiten auf den Schlittschuhkufen, das Fahrgefühl, die Leichtigkeit. Das ich einen Holzschlitten angewiesen war, störte mich überhaupt nicht, und auch nicht die Blicke der anderen. Denn ich war die einzige Erwachsene mit Holzschlitten.

Lernen hat nie ein Ende

Irgendwann im Lauf der vierten, fünften oder sechsten Saison: Meine Tochter war stolz, dass die Mami jetzt auch auf dem Eis war. Und es machte ihr Spaß, Mami zu ärgern. Immer öfter sauste sie wie der Wind herbei, schnappte sich meinen Holzschlitten und zog kichernd davon. Hilflos klammerte ich mich an der Bande fest. Ich beschwor sie, mir den Schlitten wieder zu bringen. Irgendwann war ich es leid – auch unter Androhung von Fernsehverbot – sie dazu zu bewegen, mir den Holzschlitten wieder zu bringen. Also versuchte ich meine ersten Schritte ohne den Halt gebenden Holzschlitten. Am Anfang immer mit einer Hand an der Bande. So brauchte ich für eine Runde circa 15 Minuten, aber was soll’s.

Nächster Schritt und nochmal Angst

In der nächsten Wintersaison lief ich dann mit vorsichtigen Schritte ohne Bande, frei !, wenn auch langsam. Meine Tochter war längst eingeschult. Sie bot an, mich an der Hand zu nehmen. Manchmal ließ ich es zu. Dann machte sie sich wieder einen Spaß, indem sie mich mitten auf die Eisfläche zog. Aber ich hatte immer noch Ängste, wenn die Bande allzu weit weg war. Obwohl ich sie eigentlich nicht mehr für mein Gleichgewicht brauchte, fühlte ich mich ängstlich und einsam wie ein Ertrinkender mitten auf dem Meer.

Freude: gemeinsam auf der Schlittschuhbahn

So liefen wir einige Saisons zu zweit, Ich für mich, sie für sich und manchmal Hand in Hand. Manchmal nahmen wir eine Freundin mit. Erst zog ich noch den Kindern die Schlittschuhe an. Später konnten sie es allein. Doch dann kam die Pubertät und meine Tochter wurde von einem übergroßen Schlafbedürfnis geplagt, das sie bis in den späten Vormittag hinein ans Bett fesselte. Eine Bett-Affinität, die vor allem am Sonntag erbarmungslos zuschlug und nicht zu überwinden war. Und so kam der Tag, an dem ich mich entscheiden musste, entweder allein oder gar nicht auf die Schlittschuhbahn zu gehen. Ich fühlte mich groß und ging allein.

Jedes Jahr wieder: Angst überwinden

Daran habe ich heute gedacht. Als ich heute – zum ersten Mal nach der Sommersaison – auf der Schlittschuhbahn mit wackligen Beinen unsicher meine Runden lief. Auch heute habe ich meine Angst und die vielen guten Gründe überwunden. Immer noch brauche ich Mut, um mich auf die Schlittschuhe zu stellen. Nach der Pause kann mir nicht mehr vorstellen, dass ich es kann. Die ersten zwei Bahnen habe ich Halt an der Bande gebraucht und lief immer mit einer Hand an der Bande. Die nächsten zwei Runden gingen schon freihändig aber in Reichweite der Bande im Schneckentempo. Nach und nach konnte ich die Bande verlassen. Ich hatte die Fähigkeit, mich allein vorwärts zu bewegen, wieder gewonnen.

Unsicherheit und Mut: Ich finde mich im anderen

Heute war ein Mann auf dem Eis, der sich an der Bande fest klammerte und offensichtlich zum ersten Mal auf Kufen stand. Ich gab ihm den Rat, dass es auch Holzschlitten mit Kufen für Erwachsene gäbe. Dann sah ich ihn: eine große Gestalt mit Holzschlitten langsam laufen, umringt von einer aufgeregten Schar von 6 Kindern in Schneeanzügen, die ihn anfeuerten und Mut machten. Ich war so an meine eigene Geschichte erinnert. Ich habe mich auch so gefreut, einen anderen Erwachsenen zu sehen, der sich auch nicht zu schade war, trotz seiner Schwächen und Ängste sich auf zu neuen Wegen und Abenteuern zu machen.

Träume: an manchen ist Barbie schuld

Während ich meine Runden drehte, dachte ich an die vergangenen 12, 13 oder 14 Jahre zurück. Wie es angefangen hatte als ich meine 4-jährige Tochter aufs Eis schob. Dass ich stolz bin, mit über 40 Jahren Schlittschuhlaufen gelernt habe. dass ich viele Ängste überwunden habe. Und dass eigentlich Barbie schuld daran ist. Denn irgendwann habe ich mit meiner Tochter reflektiert, wie es damals war, als ich sie das erste Mal in das Sonntagnachmittags-Gewimmel aufs Eis gestellt hatte und gesagt hatte: “Nun lauf, das wird schon!”

Wenn Mütter Träume wahr werden lassen

“Du hast mich ganz allein gelassen!” warf sie mir vor. “Du hast gesagt, du willst Schlittschuhlaufen,” entgegnete ich. “Ja”, erwiderte sie, “das habe ich gesagt, wie Kinder halt so was sagen, wenn sie sich was wünschen. Ich will ein rosa Pferd. Ich will in einem Schloß wohnen. Ich will auf den Mond fliegen. Ich hatte damals den Barbie Film gesehen, wo die Barbies Eislaufen. Und dann habe ich das einfach so dahingesagt. Aber du hast mich dann gleich genommen und aufs Eis gestellt.”

Angst überwinden und Spaß haben

Und so ist Barbie schuld daran, dass ich jetzt Schlittschuhlaufen kann. Für mich hat das eine große Bedeutung: Ich habe meine Ängste überwunden. Ich habe mir einen Traum erfüllt. Ich habe etwas gelernt, von dem ich nie gedacht hätte, dass ich es als Erwachsene jemals lernen könnte. Ich bin stolz auf mich.

Und nun zu dir?

Was hat das mit dir zu tun? Magst du für dich reflektieren und deine Erlebnisse in den Kommentaren teilen?

  1. Was hast du von deinen Kindern gelernt?
  2. Welches Ziel hast du verfolgt, obwohl du viele Ängste überwinden musstest?
  3. Wann hast du deine Angst überwunden?
  4. Was hast du noch in höherem Alter gelernt?
  5. Was hast du gelernt, obwohl du gedacht hast, dass du das niemals lernen würdest?

Ich freue mich auf deine Antwort!

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Kategorie Aus dem Leben

Ich bin Juristin, Kommunikationstrainerin und Coach, Autorin, Hobby-Neurobiologin, Möchte-Gern-Psychologin, Zuhörerin, Freigeist und Bücherwurm. Ich begleite Menschen bei der Überwindung von emotionalen Blockaden hin zu Potentialentfaltung. Unternehmen unterstütze ich bei der Entwicklung einer wertschätzenden Unternehmenskultur. Ich lebe mit meiner Tochter in Bayreuth.

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