Warum ich mich manchmal wie ein Alien fühle

Über das Leben zwischen zwei Welten – und was das Nervensystem damit zu tun hat

Es gibt Momente, in denen ich mitten unter Menschen sitze und trotzdem das Gefühl habe, von einem anderen Stern zu sein. Nicht weil ich mich für etwas Besseres halte. Sondern weil ich gleichzeitig zu viel und zu wenig bin – und beides ist für die meisten nicht sichtbar.

Ich habe einen IQ von mindestens 123. Und ich habe ein Arbeitsgedächtnis im Bereich einer geistigen Behinderung.

Das klingt wie ein Widerspruch, aber es ist keiner. Es ist – wie ich inzwischen verstehe – zwei Seiten derselben Medaille.

Die Mathematik des Andersseins

Meine geistige Realität sieht so aus:

Mit einem IQ von 123 sind 95 % der Menschen kognitiv langsamer als ich, wenn es um das Verarbeiten komplexer Zusammenhänge geht. Mein hundsmiserables Arbeitsgedächtnis bedeutet: 95 % der Menschen kommen mit ihrem Alltag besser klar als ich.

Ich lebe also permanent in einer Schere: 95% der Menschen sind dümmer als ich und 95% der Menschen können ihren Alltag besser strukturieren. Mein Gehrin ist wie ein Hochleistungscomputer bei der NASA, mit dem Raketenumlaufbahnen berechnen könnte – aber mein Arbeitsspeicher ist noch von Windows 7 – und ständig stürze ich ab.

Nach oben: Ein Geist, der schnell denkt, weit vernetzt, quer assoziiert, der in Gesprächen schon drei Ecken weiter gedacht hat, während das Gegenüber noch beim Ausgangspunkt ist. In der Kommunikation mit anderen will ich eine Tiefe, die andere mir nicht bieten können. Sie kommunizieren mir oft viel zu oberflächlich und zu langsam.

Nach unten: Ein Arbeitsgedächtnis, das mich täglich an seine Grenzen erinnert. Ich lasse das Waschbecken überlaufen und setze die Küche unter Wasser. Mindestens 15 Minuten verbringe ich täglich mit Suchen – von Schlüsseln, Handy oder was auch immer. Das Alltagsroutine ist Schwerstarbeit für mich.

Wer nur das eine kennt – die Hochbegabung ohne das schwache Arbeitsgedächtnis, oder das schwache Arbeitsgedächtnis ohne die Hochbegabung – lebt bereits in einer Nische. Wer beides hat, lebt in einer Nische innerhalb einer Nische.

Zwei Einsamkeiten

Hochbegabte Menschen kennen eine bestimmte Art von Einsamkeit: die des zu schnellen Denkens. Man hält sich zurück, weil man merkt, dass das Tempo und das geistige Niveau von anderen nicht mitgetragen wird. Man vereinfacht oder langweilt sich. Ein Gehirn, das schneller verarbeitet, braucht einfach mehr Input. Das ist Physiologie, kein Charakterfehler.

Menschen mit kleinem Arbeitsgedächtnis bzw. ADS kennen eine andere Einsamkeit: Sie fühlen sich nicht verstanden.

Wenn aich anderen von meinen alltäglichen Missgeschicken eerzähle, dann winken sie ab: Ach, das ist doch nicht so schlimm, auch mir passiert immer mal weider ein Missgeschck.

Nur mit dem Unterschied, dass normalos hin und wieder ein Missgeschick passiert, mir aber ständig.

Meine Schusseligkeit ist das Ergebnis eines Nervensystems, das rund um die Uhr unter Hochspannung arbeitet, um genau diese Missgeschicke zu verhindern. Was bei anderen Autopilot ist, ist bei mir bewusste kognitive Schwerstarbeit.

Ich habe also zwei Einsamkeiten gleichzeitig: die der Hochbegabten, die nach oben keinen Anschluss finden. Und die der Menschen mit ADS, deren Alltag so herausfordern ist, dass sie von anderen nicht verstanden werden.

Zwei Seiten einer Medaille – nicht zwei Zufälle

Wie kann beides in einem einzigen Menschen sein? 

Hochbegabung und ADS teilen sich wahrscheinlich dieselbe neurobiologische Grundstruktur. Das schnelle, assoziative, weitverzweigte Denken – das Markenzeichen hochbegabter Gehirne – und die Schwierigkeiten mit Arbeitsgedächtnis, Inhibition und Alltagsstruktur entstehen möglicherweise aus denselben dopaminergen Netzwerken. Es ist kein Zufall, dass beides so oft zusammen auftritt. Es ist ein Gehirn, das so verdrahtet ist, dass es beides hervorbringt: die Stärken und die Schwierigkeiten. 

Das bedeutet auch: Die Hochbegabung kompensiert die ADS nicht wirklich. Sie überdeckt sie nach außen – vor allem für andere. Und das noch mehr weh

In der Forschung nennt man das twice exceptional, kurz 2e. Zweifach außergewöhnlich. Was gut klingt, ist in der Praxis vor allem: doppelt unsichtbar.

Das doppelte Schweigen

Also was mache ich? Ich zeige mich nicht.

Ich zeige meine Intelligenz nicht, weil ich weiß, dass es unangenehm wird – nicht für mich, sondern für die anderen. Und ich schütze gerne Menschen, die mir wichtig sind.

Ich zeige meine Schwierigkeiten nicht, weil ich die Antwort schon kenne, bevor ich fertig geredet habe: „Oh, das kenne ich auch, ich bin auch manchmal so schusselig.“ Gut gemeint. Vollkommen am Ziel vorbei.

Also schweige ich. Nach oben und nach unten. Und lebe in der Mitte – in einem Raum, den kaum jemand kennt, weil kaum jemand dort ist.

Das kostet. Es kostet echte Beziehungen, in denen ich einfach ich sein darf. Es kostet die Energie, die ich für Verbindung bräuchte. Und es kostet die Möglichkeit, wirklich gesehen zu werden – weil ich mich so gut darin geübt habe, unsichtbar zu sein.

Obendrauf: Soziale Reize sind für ein hochsensibles, hochaktives Nervensystem immer Arbeit. Auch wenn es schön ist. Auch wenn ich die Menschen mag.

Alles. Ist. Anstrengend.

Was das Gesundheitssystem daraus macht

Und hier wird es politisch – weil ich nicht anders kann.

Weil ich intelligent bin. Weil ich Umgangsformen habe. Weil ich funktioniere – nach außen, meistens, mit enormem Aufwand –, denken die meisten: Der geht es gut. Die hat doch nichts.

Und das Gesundheitssystem denkt das auch.

Hochbegabung schützt nicht vor ADS. Sie maskiert sie – nach außen. Je besser jemand kompensieren kann, desto länger fliegt die Diagnose unter dem Radar. Desto länger bekommt man keine Unterstützung. Desto erschöpfter ist man, wenn man endlich ankommt.

Und wer als hochbegabt gilt, hat noch ein zusätzliches Problem: Man wird nicht geglaubt. So klug und trotzdem so schwierig im Alltag? Das passt nicht ins Bild. Also wird es weg erklärt. Mit Anstrengungsbereitschaft. Mit Organisation. Mit dem Rat, doch mal einen Kalender zu benutzen.

Das System ist nicht böse. Es ist blind. Blind für das, was sich hinter Kompetenz versteckt. Blind für die Erschöpfung unter der Fassade.

Keine Lösung. Aber eine Haltung.

Ich habe noch keine fertige Lösung gefunden.

Ich habe keine Community, in der ich beides sein darf. Kein Gespräch, in dem ich nicht zuerst erklären muss, dass diese beiden Dinge gleichzeitig existieren können – und dass ich nicht übertreibe.

Was ich habe: das Wissen, dass mein Erleben neurologisch real ist. Dass meine Erschöpfung nicht Schwäche ist, sondern Physik. Dass mein Gehirn nicht kaputt ist – es ist anders gebaut. Mit Stärken, die ich nicht mehr kleinreden will. Und mit Grenzen, die ich nicht mehr kleinreden werde.

Vielleicht ist das der erste Schritt: aufhören, mich zu schämen für das, was mein Nervensystem ist. Für das Zu-Viel genauso wie für das Zu-Wenig. Und anfangen, denen gegenüber ehrlicher zu werden, die es verdienen – und aushalten können.

Der Alien bleibt. Aber er fängt an, sein Raumschiff als Heimat zu betrachten.

Woher ich das alles weiß? Und das weiß ich nur, weil ich mich intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt habe. Im Gesundheitssystem hat mir das noch keiner gesagt.

Wenn du dich in diesem Text wiedererkennst – ob wegen der Hochbegabung, wegen AD(H)S, oder wegen beidem: Du bist nicht allein. Du bist nicht verrückt. Du bist nur sehr, sehr müde. Und du wirst sehr, sehr selten wirklich gesehen.

Das sollte sich ändern.

Wer so anders tickt wie ich, ist nicht selten traumatisiert. Mir hat coaching mit tiefer Empathie geholfen – und hilft mir noch – mich selbst besser zu verstehen und liebevoller mit mir selbst umzugehen.

Tickst Du auch so anders – sei es wegen Hochbegabung oder wegen AD(H)S ? Vielleicht würde auch Dir ein Coaching mit Tiefer Empathie untersützen.


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